Nr. 17/2007 vom 26.04.2007

Moon over Dornbach

Von Pascal Claude

«Yeaaahhh!», kreischt die Friedhofstribüne, als der Stadionsprecher den ersten Spielernamen nennt, «Yeaaahhh!» auch beim zweiten, dritten, elften. «Yeaaahhh!» Nicht, dass sie die Namen ihrer Spieler nicht kennten. Aber dieses ewige Spielchen, Vorname Speaker, Nachname Fans; irgendwann hat mans gehört. Schliesslich wissen die Spieler ja selbst, wie sie heissen. Stattdessen «Yeaaahhh!», mit einem breiten Grinsen im Gesicht und einem grossen Ottakringer in der Hand.

Die Friedhofstribüne ist der Stehplatzbereich des Wiener Sportklubs (WSK) aus dem Dornbachquartier, der einst, als Sportclub mit «c», Juventus Turin im Meistercup sieben zu null schlug, angeführt vom grossen Erich Hof. Erich Hof liegt heute, ein paar Dutzend Meter neben Ernst Happel, auf einem der beiden Friedhöfe hinter dem WSK-Stadion, genauer: hinter der einen Tribüne des WSK-Stadions, der Friedhofstribüne. Die Europacupzeiten liegen weit zurück. Heute spielt der WSK in der Regionalliga Ost, der dritthöchsten österreichischen Spielklasse. Den alten Tagen scheint hier aber niemand nachzutrauern. Die Grundstimmung: «Yeaaahhh!»

«Sportklub, Sportklub, spiel den Gegner an die Wand, Dornbach ist ein schönes Land, hahahahaha, hey!», hallt es nun zur Melodie von Dschingis Kahns «Moskau» von den Rängen. Der WSK spielt um den Aufstieg, da gibt es auch für den SKN St. Pölten kein Pardon (obwohl in dessen Reihen ein Mann mit dem betörenden Namen Marc-André Unterhuber spielt). Nach Spielschluss allerdings werden die gegnerischen Akteure, als sie sich niedergeschlagen zum Kabineneingang unter der Friedhofstribüne schleppen, mit einem warmen Applaus aus Dornbach verabschiedet. Wir Gäste aus der Schweiz schlucken leer und versuchen uns zu erinnern, wann wir solches zum letzten Mal in einem heimischen Stadion erlebt haben. Dann ist Lichterlöschen, und zwar wörtlich.

Der erste Flutlichtmast erlischt fünf Minuten nach Abpfiff, der zweite zehn Minuten später. Einen dritten oder vierten Mast gibt es nicht. Nun stehen wir im Dunkeln, und kein Discoschrott dröhnt aus den Lautsprechern. Der Mond, schlank wie zu seinen besten Tagen, steht über dem Stadion, und mit der plötzlichen Dunkelheit breitet sich ein prächtiger Sternenhimmel aus.

Lichtverschmutzte Grossstädte? Nicht in Wien-Dornbach. Aus dem «Yeaaahhh!» ist ein zufriedenes Gemurmel geworden, das sich allmählich in den Bauch der Friedhofstribüne verschiebt. Dort lädt die Fankneipe mit Getränken und lauter Musik zur Verstärkung der guten Gefühle. Als wir weit nach Mitternacht aufbrechen, feiern sie drinnen sportlich weiter.

Der WSK und seine Friedhofstribüne zeigen ein Leben abseits von Sitzschalen, Familiy-Cornern, Hassgesängen und Abramowitsch. Und dieses Leben ist nicht elend, sondern immerhin so attraktiv, dass gegen St. Pölten knapp 1600 ZuschauerInnen kamen, was, wie man uns sagte, eher schwach sei. 1600 für die Dritte Liga – zwei Drittel unserer Zweitligisten sind froh, wenn sies auf die Hälfte bringen. Beim WSK sitzen Fanvertreter im Vorstand, betreibt ein Fan das Merchandising, führen Fans die Kneipe. Ein klares Nein zu Rassismus ist eine Selbstverständlichkeit. Und als ob das alles nicht genügte, amtet mit Udo Huber der ehemalige Moderator der ORF-Hitparade als Vize-Präsident.

Mit dem FC Winterthur hat der WSK in der Schweiz einen Zwilling im Geiste. Auch hier haben Fans aus der Kurve die Chance gepackt, als es dem Verein schlecht ging und jede Hilfe willkommen war. Nun sitzen Leute, die zuvor in der «Bierkurve» standen, in der Vereinsführung und betreiben mit dem «Libero» eine in der Schweiz einzigartige Stadionkneipe. Auch an FCW-Spielen sind böse Menschen Mangelware, weshalb die «Bierkurve» zu Recht singt: «Hoch – der – Winterthurer Fussballverein!»

Nick Hornby hat in «Fever Pitch» geschrieben, wir würden uns unsern Verein nicht aussuchen, er werde uns gegeben. Das ist, wie fast alles in diesem Buch, sicherlich richtig. Doch schrieb Hornby die Zeilen Anfang neunziger Jahre. Seither hat sich vieles verändert. So vieles vielleicht, dass kein Tabu mehr bricht, wer sich heute seinen Verein selbst wählt. Sei es auch nur, um nach Spielschluss in Ruhe in die Sterne zu schauen.

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