Nr. 10/2007 vom 08.03.2007

Später Aufschrei

Von Pascal Claude

«Die Chancen, auch nur eines der Spiele live im Stadion miterleben zu können, sind minim», schrieb das «St. Galler Tagblatt» vor fünf Wochen. Jetzt, nach dem Start des Ticketverkaufs zur Euro 2008, geht auch der «SonntagsBlick» in Stellung: «Nur Bonzen-Tickets: Jetzt reichts!» Dass die wenigen überhaupt erwerblichen Tickets schweineteuer sind, ist der Zeitung eine Titelgeschichte wert – «Uefa-Bosse machen Euro 08 kaputt».

Man wundert sich ein bisschen über die Tonlage. Hat der Wind gedreht? Im Abstimmungskampf zum Hardturmneubau im Spätsommer 2003 argumentierten bürgerliche Sportfanatiker und sozialdemokratische Euro-EuphorikerInnen noch ganz anders: Wer Nein stimme, nehme den ZürcherInnen die Chance, EM-Spiele vor ihrer Haustür zu besuchen, und das dürfe nicht sein. Keine Zeitung setzte dieser Augenwischerei damals etwas entgegen. Als wüsste man auf den Sportredaktionen nicht schon seit Jahren, in welche Richtung sich die Uefa mit ihrer Ticket- und Preispolitik bewegt.

In der Beiz, in der ich zwei Jahre als Serviceangestellter arbeitete, floss Haldengut aus dem Hahnen. Haldengut gehört Heineken, genau wie Amstel. Amstel war Heinekens «Sportmarke» und jahrelang Sponsoringpartner der Uefa Champions League. Im Herbst 2002, als der FC Basel in der Champions League spielte, rief unser Heineken-Mann in der Beiz an. Ob wir ans Spiel möchten in Basel, er hätte Tickets für uns. Wir waren sehr erstaunt. Immerhin hätte der FCB für die Partien in jenem Herbst sein Stadion zweimal füllen können, so gross war die Nachfrage. Im Heineken-Zelt neben dem Stadion lagen die Tribünentickets bereit, dazu gabs Freibier und ein grosses Buffet. Im Zelt tummelten sich Wirtsleute aus der ganzen Schweiz. Sie alle hatten sicher etwas mit Heineken und möglicherweise auch etwas mit Fussball zu tun. Und sie alle waren bester Laune. Von der Champions League sprachen damals alle, dabei zu sein war wunderbar. Auch wir gehörten zu diesem Kreis. Während draussen vor dem Zelt BaslerInnen ihr Glück auf dem Schwarzmarkt versuchten.

Anhand der Menge im Heineken-Zelt und der Anzahl Champions-League-Sponsoren begann ich damals hochzurechnen, wie viele Illegitime wie ich sich da wohl im Stadion befänden. Es musste in die Tausende gehen. Und es war nur Champions League, Gruppenphase. Nun kommt die Euro.

Die Uefa kassiert über eine Milliarde mit dem Turnier. Die Einnahmen aus dem Sponsoring verpflichten: zu Exklusivverträgen, Hostessen, Gratistickets. Mit dem freien Verkauf eines gewissen Ticketkontingents bedient die Uefa letztlich nur die TV-Stationen, die für die Übertragungsrechte ebenfalls gut hinblättern und jeweils gerne ein paar Fans im Bild haben, damit die ZuschauerInnen daheim vor dem Fernseher nicht denken, sie seien bei Andy Borg. Die Bürde, auch noch ein paar althergebrachte Fussballinteressierte ins Stadion lassen zu müssen, lässt sich die Uefa mit Ticketpreisen ab siebzig Franken ordentlich vergüten.

Der Chefredaktor des «SonntagsBlicks» schreibt: «Jene, die den Fussball gross gemacht haben, sind heute nicht mehr gefragt: die wahren Fans.» Bei aller Heuchelei: Er hat Recht. Nur wünschte man sich solch engagierten sportpolitischen Journalismus zuweilen etwas früher. Und etwas häufiger. Die Themen liegen schliesslich auf der Strasse.

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