Nr. 11/2008 vom 13.03.2008

«Gut, dann gehst du halt»

Von Pascal Claude

Oleg ist dreizehn und wohnt in einer grossen Schweizer Stadt. Vor einigen Monaten ist er in den Fussballklub seines Quartiers eingetreten. Zuvor war er bereits bei zwei anderen Vereinen. Wie kommt es, dass einer mit dreizehn schon zweimal den Klub gewechselt hat? Oleg erzählt es mir bei einem Fläschchen Cola.

Mit sieben spielte Oleg in der Nachwuchsabteilung eines Schweizer Spitzenklubs. «Die Eltern der andern Buben gingen alle davon aus, dass ihr Sohn einmal Fussballprofi wird. Alle waren extrem gefordert», erinnert er sich. Oleg gehörte zu den Besseren, und so stieg er schon bald auf in eine stärkere Mannschaft. Doch nicht für lange. «Es war eines der ersten Trainings, da machten wir so eine Übung, wo die Laufwege genau vorgegeben waren. Ich rannte dann einmal einen Meter neben der Markierung vorbei, da schrie mein neuer Trainer, ob ich eigentlich Analphabet sei oder was. Von da an wollte ich nicht mehr zu diesem Verein.»

Über einen Freund, der schon dort spielte, kam er zu seinem zweiten Verein, einem ambitionierten Stadtklub, dessen Fanionteam mit dem Profifussball liebäugelt. «Es war viel besser. Ich konnte im selben Team spielen wie mein Kollege, der Druck war geringer. Und vor allem waren die Trainer viel lieber. Sie müssen doch lieb sein, wenn sie Kinder trainieren, oder? Finde ich zumindest.» Oleg spielte in den F-, E- und D-Junioren, es gefiel ihm. «Im D waren wir so eine Art U-13-Team, nicht offiziell U-13, aber wir spielten gegen Ältere aus dem C2. Wir waren die Schlechtesten und verloren fast immer, aber ich fand es läss. Es war Elferfussball, und ich habe fast immer gespielt.»

Damals, im D, begann der Verein damit, einzelne Spieler aus kleineren Klubs abzuwerben. Die Luft wurde dünner. Oleg: «In den Sportferien gab es ein Trainingslager in Spanien. Ich fuhr aber wie immer mit meinen Eltern in die Skiferien. Nach diesen Ferien war ich irgendwie draussen. Ich war oft Ersatz. Dass ich nicht im Trainingslager war, bedeutete für den Trainer wohl, dass ich nicht richtig wollte.» Im Sommer darauf erhielt der Verein erstmals die Lizenz für zwei U-Mannschaften, die höchste Leistungsstufe im Nachwuchsbereich. Von da an wurden immer mehr Buben von anderen Vereinen geholt, «aktiv geholt», sagt Oleg. Er nahm das Training mit der U-14 auf. Weil ihn Verletzungen plagten und er im Gymi in der Probezeit stand, verpasste er einige Einheiten. «Der Trainer behauptete zwar immer, die Schule gehe vor. Aber irgendwann sagte er mir, wenn ich so oft fehle, müsse ich runter ins C1. Das fand ich nicht gerecht. Auf die, die schon lange beim Verein waren, nahm man keine Rücksicht. Dafür bevorzugte man die Neuen.»

Im C1 gefiel es Oleg nicht. «Der Trainer dort war wieder so ein Schreihals, ein Typ Mensch, den ich nicht mag. Wir mussten Strafrunden rennen, wenn wir schlecht waren. Ich ging dann noch ein-, zweimal ins Training, danach hatte ich genug.» Oleg sagte seinen Eltern, er wolle aufhören beim Verein. Die bedauerten es, respektierten aber seinen Entscheid. «Dann rief ich den Trainer an und sagte es ihm. Er meinte nur ‹Okay, dann gehst du halt›. Da wusste ich, dass ich wohl richtig entschieden hatte.» Leicht fiel es ihm trotzdem nicht. Es war sein Verein, er war lange dort gewesen.

Ob er zu dünnhäutig sei für ambitionierten Juniorenfussball, wollte ich von Oleg wissen. «Ich glaube fast, ja. Ich hätte es sicher ausgehalten bei diesen Trainern, aber ohne Spass. Und Fussball muss doch Spass machen, oder?» In den U-Mannschaften, sagt Oleg, habe es viele Egos. «Die Neuen schauen alle für sich. Aber ob ein Spieler menschlich in Ordnung ist, ist den Trainern egal, solange ihr Team gewinnt.»

Dann spielte Oleg, vereinslos, einmal mit seiner Mutter draussen Tischtennis. Ein Bekannter, der im Quartierklub Junioren trainiert, kam zu ihnen an den Tisch. «Spielst du jetzt mit deiner Mutter Pingpong, weil du keinen Verein mehr hast? Komm zu uns», meinte er. Und? «Es ist kleiner, familiärer,» sagt Oleg, «sie holen nicht so viele Leute von anderen Klubs. Und die Neuen müssen sich erst beweisen. So wie ich. Das finde ich gut.»

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