Nr. 02/2006 vom 12.01.2006

Ein Krieg wird keine Probleme lösen

WoZ-lnterview mit Yassir Arafat, PLO-Vorsitzender und Präsident Palästinas

Mit Yassir Arafat sprach Georg Stein in Bagdad*

Saddam Husseins Friedensbedingung, eine Verknüpfung der Palästinafrage mit dem Abzug aus Kuweit, wird offiziell als Erpressung zurückgewiesen. Schon die Aufnahme von Verhandlungen wäre deshalb ein Zugeständnis an den Diktator, der allein die Verantwortung für den Kriegsausbruch tragen soll. Yassir Arafat spricht aus, was alle wissen können und auch US-amerikanische Politstrategen nicht bestreiten: Die gemeinsame Behandlung der Konfliktherde Palästina, Kuweit und Libanon wäre logisch und zwingend.

WoZ: Herr Präsident, sehen Sie noch eine Möglichkeit, den Frieden im Nahen Osten zu erhalten?

Yassir Arafat: Die irakischen Friedensbedingungen sind eindeutig: An erster Stelle stehen die Palästinafrage und die Resolutionen der Uno zum Nahost- und Golfkonflikt.

Saddam Hussein hat ja bereits im August vorgeschlagen, die Lösung der Kuwaitfrage mit der Lösung der Palästinafrage zu verbinden. Halten Sie das nach wie vor für einen sinnvollen Ansatz?

Es spielt keine Rolle, was ich oder Sie sich wünschen. Entscheidend ist, dass wir, wenn wir wirklich Frieden wollen, alle Probleme im Nahen Osten lösen müssen. Wir können nicht ein Problem lösen und die anderen Pulverfässer unbeachtet lassen, die dann jederzeit explodieren können. Als ich 1982 Beirut verliess, sagte ich, dass ein Taifun losgebrochen sei _ damals wollte keiner auf mich hören. Aber jetzt hat der Taifun zwei Zentren: eins in Palästina und eins am Golf. Wenn wir also Frieden wollen _ am Golf, in Palästina, im Südlibanon, auf den Golanhöhen, im ganzen Nahen Osten _, dann müssen wir über alle, nicht nur über eine, oder einen Teil der Resolutionen sprechen. Denn internationales Recht ist unteilbar. Wir dürfen diese Resolutionen nicht mit zweierlei Mass messen. Warum ist für die Lösung aller anderen Krisen im Nahen Osten nie eine Armee geschickt worden, warum gibt es jetzt am Golf so ein massives Militäraufgebot? Das Kernproblem im Nahen Osten ist nach wie vor die ungelöste Palästinafrage: die tägliche Aggression der Israelis gegen mein Volk, die täglichen Massaker _ seit 42 Jahren Eskalation, Besetzung und Unterdrückung. Der Sicherheitsrat und die Vollversammlung der Uno sowie andere internationale Gremien haben immer wieder Resolutionen verabschiedet. Aber nie hat man eine Armee geschickt, um die Israelis dazu zu bringen, diese Resolutionen zu befolgen. Die amerikanische Regierung hat ihre Militärstreitmacht nicht nur zum Wohl der kuweitischen Herrscherfamilie an den Golf geschickt. Die Amerikaner sind da, um ihre Interessen zu verteidigen. Sie wollen ihre Kontrolle über das Öl sichern, damit sie dem vereinigten Europa 1992 entgegentreten können, der Wirtschaftskraft des vereinigten Deutschlands und Japans. Erst im November haben die Amerikaner in Paris das Ende des Kalten Kriegs verkündet, und jetzt kommen sie und fangen einen neuen Krieg an _ und das wird kein Picknick. Dieser Krieg findet auf den wichtigsten Ölfeldern statt.

Verschärft wird der Konflikt gegenwärtig ja auch durch die massive Ansiedlung sowjetischer Juden in Israel und den besetzten Gebieten. Hat Israel zur Lösung dieses Problems möglicherweise Interesse an einem Krieg zum gegenwärtigen Zeitpunkt?

Dieser Krieg wird keine Probleme lösen. Er wird die Gegensätze vertiefen und die Probleme der ganzen Region nur verschärfen. Und deshalb müssen wir hart arbeiten, um wirklichen Frieden zu schaffen _ für uns alle.

Hat die Intifada durch die Golfkrise an Bedeutung verloren?

Die Intifada ist eines unserer Mittel, um die israelische Okkupation unseres Landes zu beenden, die Besetzung unserer heiligen moslemischen und christlichen Stätten. Sie richtet sich gegen Unterdrückung, Okkupation und Aggression. Wir wollen leben wie alle anderen Völker: frei in unserem freien Land.

Wird der Dialog zwischen der PLO und der amerikanischen Regierung irgendwann wieder aufgenommen werden? Die Gespräche sind ja für die PLO nicht gerade befriedigend verlaufen.

Sehen Sie, nicht wir haben den Dialog ausgesetzt, sondern die Amerikaner _ und damit haben sie ihre Doppelmoral endgültig unter Beweis gestellt. Sie stehen uneingeschränkt hinter Israel, unterstützen die israelische Aggression gegen mein Volk, gegen Frauen und Kinder, gegen unsere heiligen Stätten. Wenn die Amerikaner das Problem in Anlehnung an unsere Friedensinitiative vom November/Dezember 1988 angegangen wären, dann wären sie jetzt nicht in einem solchen Dilemma wie am Golf.

Saddam Hussein sieht in Kuweit einen historischen Teil des Iraks und ist deswegen nicht bereit, die Annektion rückgängig zu machen. Ist seine geforderte Verknüpfung der Kuweit- und der Palästinafrage somit überhaupt realistisch?

Husseins Friedensvorschlag vom 12. August war klar und deutlich: Alle Probleme am Golf, in Palästina, im Libanon und auf den Golanhöhen müssen gelöst werden. Das ist die Antwort.

* Das Gespräch fand vor der Ermordung Abu Ijads und zweier weiterer Spitzenfunktionäre der PLO (15. Januar 1991) statt.

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