Nr. 36/2006 vom 07.09.2006

Unser Mann in Sydney

Er trainiert wie ein Tier, arbeitet in der WoZ und ist unser unbestrittener Held in Sydney. Auslandredaktor Armin Köhli jagt die Goldmedaille im Strassenrennen der Radfahrer an den Paralympics in Sydney.

Von Constantin Seibt

Zur Hölle mit Patriotismus und Lokalpatriotismus, aber trotzdem funktioniert das System. Einer kämpft für alle. Sport ist - wie auch Politik - ohne Parteinahme langweilig. Man muss das Herz an etwas hängen, sonst läuft nichts ausser dem Fernseher. Die meistgenannten Favoriten innerhalb der WoZ-Redaktion sind die Fussballnationalmannschaft, Schalke 04 und FCZ. Sie passen nicht schlecht zur WoZ: Sie verlieren ziemlich oft, gewinnen manchmal doch und vermeiden jedesmal wieder den Abstieg in die Bedeutungslosigkeit.

Nun gibt es einen weiteren Helden, der für uns kämpft: Auslandredaktor Armin Köhli, 1965 geboren, Exraucher, Palästina-Spezialist, aus Gründen der Melancholie FCZ-Fan und austrainiert wie eine frei lebende Katze. Er wird am 21. Oktober im Kilometer-Zeitfahren um eine Medaille und am 26. Oktober im Rad-Strassenrennen an den Paralympics um Gold kämpfen. Und er hat nicht schlechte Chancen, dass die WoZ, politisch das Fachblatt der Verlierer, sportlich auf der Seite der Gewinner sein wird. Immerhin war Köhli 1999 EM-Dritter, ist noch einmal besser in Form und hat auch die richtige Einstellung: «Beim Sport ist der Sieg schön - ausser beim FCZ.» In unserem Zeichen wird er siegen.

Im roten Bereich

Spitzensport, so Brecht, beginnt dort, wo er nicht mehr gesund ist. Radrennen ist die härteste Disziplin: Die Konkurrenz zermürbt einen durch dauernden Rhythmuswechsel, man kann keine Minute sicher sein, der Puls geht hoch - bei Armin vom Ruhepuls 56 auf 147 beim Ausdauertraining bis auf 186, das ist der rote Bereich, wenn Muskeln übersäuern, der Kopf platzt und der Atem japst.

Armin: «Einen Puls von 186 hältst du höchstens sechs Minuten durch. Dann weisst du, was der Satz 'auf 180 sein' wirklich bedeutet.»

WoZ (beeindruckt): «Wie fühlt sich das an?»

Armin: «Es fühlt sich beschissen an.»

Tatsächlich lässt sich über das Wichtigste am Sport, die körperliche Verzweiflung an der Grenze, nur wenig sagen. Schmerz ist nicht mitteilbar, nicht einmal erinnerbar, man erkennt ihn nur wieder, wenn er wieder da ist. Hallo Zahnschmerz, hallo Herzflimmern, hallo roter Bereich. Velo ist ein weniger spiritueller Sport als Laufen, wo es massenweise Bücher über die Flashes beim Runners-high gibt: Der Rhythmuswechsel und der taktische Krieg machen die Gedankenproduktion zur Sau. Selbst in Lance Armstrongs hervorragender Autobiografie, die alles schildert - die Intrigen im Fahrerlager, seinen Kampf gegen Hodenkrebs, seine Niederlagen und den Sieg in der Tour de France - gibt es nur einen weissen Fleck: den roten Bereich. Mehr als der Hinweis, nie, kein einziges Mal die Berge hochgeflogen zu sein, sondern schlicht mehr als irgendjemand anderer gelitten zu haben, kommt nicht, und das einzige, an das Armstrong - sonst ein heller Kopf - während des Radfahrens gedacht haben will, war das Radfahren selbst. Über das Wichtigste lässt sich nichts sagen.

Jedenfalls nicht mehr als Armins vier Punkte zum 50-Kilometer-Strassenrennen in Sydney:

- «Niemand wird mürbe sein!»

- «Alle werden fit sein!!»

- «Alle werden bereit sein, zu leiden!!!»

- «Alle werden leiden!!!!»

Und dann: «Ich hoffe, dass es ein leidvolles Rennen wird - jetzt. Je mehr das Rennen selektioniert, desto mehr fühle ich mich stark.» Ich: «Deine Taktik ist also Angriff?» Armin: «Am Schluss. Es wird wahrscheinlich zu einem Massenspurt kommen: Für Ausreisser ist das Feld zu gut und zu motiviert. Für einen Spurt braucht es Schlauheit und Erfahrung. Schlauheit habe ich, die Erfahrung fehlt mir.» Ich: «Mmmh, du setzt also mehr als zwei Jahre Training ein, um eine einzige Karte spielen zu können.» Armin (grinst): «Ja, aber sie sticht.»

Die Taktik ist, wie immer im Sport, banal, aber schwierig auszuführen: Einen Spurt reisst man am besten in der zweiten Position an (wer zuerst von allen im Feld losspurtet, ist der arme Idiot, der die Nerven verloren hat), oder noch perfekter befindet man sich an Stelle drei, weil man dann den Überblick hat. Es geht darum, bei voller Panik und vollem Einsatz einige Sekunden lang kühl und hell wie ein Eiswürfel zu bleiben: Das richtige Hinterrad entscheidet über ein Resultat zwischen Medaille und FCZ. Je kürzer der Spurt wird, desto besser ist er für WoZ und Armin: beidseitig Unterschenkelamputierte können explodieren und aus dem Sattel, einseitig Oberschenkelamputierte können den Pace einen entscheidenden Bruchteil langsamer steigern. Bei einem lang gezogenen Spurt spielt der Unterschied keine Rolle mehr. (Wie in jeder Disziplin bei den Paralympics gibt es endlose Debatten darüber, wie stark ein Handicap ist: ein nervtötendes, leidenschaftliches Aufwiegen von fehlenden oder beschädigten Körperteilen.)

Armin verlor seine beiden Füsse mit 15, als er in Italien unter einen Zug geriet.

WoZ (mit angehaltenem Atem): «Wie ist das, wenn man unter dem Zug liegt?»

Armin: «Nichts. Einfach nur Schwärze.»

WoZ: «Nichts? Keine Erinnerung?»

Armin (kneift die Augen zusammen): «Gott sei Dank nicht. Es war vielleicht der wichtigste Augenblick in meinem Leben - und ich habe keine Erinnerung.»

Armin grinst. So viel zum Wichtigsten.

Kumpel

Unpraktisch ist eine doppelte Unterschenkelamputation unter anderem deshalb, weil es niemand wirklich bemerkt: «Trag mal die Bierkästen rein.» Sagte sein späterer guter Freund, Polo Magnaguagno, 1992, als man vor der besetzten Kanzleiturnhalle stand und dann: «Weichei», als Armin sich weigerte. Unpraktisch war es vor allem bei Strassenschlacht-Demos. Armin: «1980 bin ich ein zweites Mal geboren.» Da niemand ihm ansah, dass er einfach nicht wegrennen konnte.

«Natürlich habe ich, wie auch niemand sonst, es nicht erwartet, dass Armin in den Sport einsteigt, aber überrascht hat es mich nicht», sagte Ex-WoZ-Redaktor Patrick Walder am Telefon. «Er hat einen eisernen Willen. Ich kenne ihn jetzt 20 Jahre. Der Anfang war mühsam. Brr, Armin war ein superheller, superharter, superstraighter Kopf und ein superheller, superharter, superstraighter Politnik. Das hat sich etwas geändert: Er ist eine Menge freundlicher geworden. Aber etwas davon steckt noch drin: Also am Wochenende der Streetparade wollte ich ihn sehen, und Armin war vorher beim Training. Ein Zeitfahren. Na ja, dabei bolzt man einfach wie wahnsinnig, den Kopf aerodynamisch nach unten, und sieht auf nichts als den Asphalt. Und dann kam eine Kurve. Aber nicht für Armin. Er nimmt sie geradeaus, überschlägt sich wie ein Wahnsinniger und verletzt sich nur leicht an der Hand. So ist er abgestiegen - mit Tempo 40, 50 voll durch die Wand. Für mich ein typisches Bild. Wetten, dass er nichts von dem Crash erzählt hat?» - «Hat er nicht.» - «Na klar. Er hat eine unheimliche Energie, wenn es sein muss einen ungeheuren Charme, er will in jedem Spiel gewinnen, und wenn er auf die Schnauze fällt, grinst er und bleibt unverletzt. Er hat verdammt viel gelesen, aber er hätte nie eine Zeile geschrieben, wenn er nicht nach Algerien, in den Libanon und nach Palästina gereist wäre und etwas zu sagen gehabt hätte. Ich kenne niemand, der so schnell Arabisch gelernt hat - und ich habe viele an dieser Sprache scheitern sehen. Und er schreibt verteufelt gut. Trotzdem wollte er nie Journalist werden. Immerhin diese Meinung hat er geändert. Ein Fortschritt. Er ist verdammt stur. Er kann gut schmollen. Er ist ein wirklich guter, guter Freund.»

«Ja! Stur kann er sein, und wie!», bestätigte sein Freund Polo, der ihn beim Radiomachen im Lora kennen gelernt hatte. «Und ein vergifteter Jasser ist er auch. Ein Fighter. Und beim Risiko-Spiel, einem imperialistischen Szenario, wo man die Sowjetunion und so weiter erobern muss, höhö, da hat er noch nie verloren. Also auch ein gewiefter Taktiker. Da er gut Englisch und Französisch kann, wird er sich mit den Franzosen und Amerikanern beim Rennen gut verständigen können. Schuld an dem Ganzen war ich. Ich schenkte Armin ein Rennvelo, nicht neu, aber fahrbar - und siehe da, Armin eroberte die Pässe. Und in der Strasse spuckte und trat er nach Autos, Rotlichter gab es für ihn prinzipiell nicht. Und im Walkman hört er Nation-Attack. Also, er hat einen unglaublichen Ehrgeiz, und das Rauchen hat er von einem Tag auf den andern aufgegeben. Mein Tipp: Er wird in Sydney Zweiter im Strassenrennen und Dritter im Kilometer-Zeitfahren. Und für alle Fitnessfreaks schreib hin, dass Armins Leibspeise Cordon bleu ist. Oder sonst Fleisch, Fleisch, Fleisch. Pilz und Fische verwirft er als Nichtnahrungsmittel, höhö.»

Countdown

Das Harte am Leistungssport ist, dass am Ende Bruchteile den Unterschied ausmachen: Das macht das Material teuer - ursprünglich nahm Armin an, der Velosport sei der billigste überhaupt, ein Göppel und los. Er rechnete nicht mit dem Aufwand für Zweit-, Dritt- und Bahnspezialrad, nicht mit dem Verschleiss an superleichten, superatmenden, superteuren, superalles Vollhightechklamotten, nicht mit dem Aufwand für den Import von Kohlenhydratgel, der einzigen Alternative zu Energieriegeln, die locker einen Zweitjob als Brechmittel annehmen könnten.

Die Bruchteile, um die es geht, kosten. Nicht nur an Geld und Material, sondern auch an Körper und Gehirn. Für Support sind neben der WoZ auch die Sponsoren Imboden & Partner Treuhand, Armins Exarbeitgeber, der Getränkehandel Intercomestible (damals, als Armin sich noch sagte: «Bierverkäufer, bleib bei deinem Bier!»), der Tessinerkeller, der Orthopädist Dieter Bellman, die Masseurin Silvia Staub und die Velogarage sowie die Vereinigung «Friends of Armin» zuständig. Sie alle werden sich um den Anteil der Ehre an Armins Medaille streiten. (Einen Kampf, den die WoZ locker gewinnen wird - wir haben das publizistische Monopol - haha!)

Trotzdem reicht das Geld nicht für chemische Verbesserungen. WoZ-Redaktore sind unter Garantie höchstens mit Kaffee gedopt; professionelles Doping ist bei WoZ-Kollektivlöhnen eine unerschwingliche Sache: Allein eine einzige Kur mit Wachstumshormonen kostet 10 000 Dollar. Bleibt also nichts als Training - mit der Furcht erregenden Nebenwirkung einer Eigenschaft, die Köhlis Trainer Oliver Studer, Exradsportler und Leiter des Bereichs «Sport & Wellness» der Klubschule Basel, «Selbstverantwortung des Athleten» nennt. Also Disziplin, Disziplin, Disziplin. Von den 500 Trainings hat Armin vielleicht 20 abgeändert und kein einziges ausgelassen.

Armin: «Von den Weilern auf der Landkarte des VBZ-Automaten kenne ich mittlerweile sicher über 90 Prozent.»

WoZ: «Und was hat das ausser Muskeln gebracht?»

Armin: «Ich bin etwas naturfreundlicher geworden. Obwohl ... auf den kurzen Nichtausdauertrainings, da siehst du nichts mehr ausser Asphalt, da kotzt du dich nur noch aus.»

WoZ: «Und wie fühlt es sich an, einen voll trainierten Formel-1-Körper zu haben?»

Armin: «Der Körper fühlt sich meistens ganz wunderbar. Allerdings nicht, wenn du ihn überfordert hast. Aber er regeneriert schnell, du wirst nie krank, dafür um halb elf todmüde und nach einer halben Flasche Wein stockzu. Ein unseriöser Lebenswandel liegt da nicht mehr drin.»

WoZ: «Das klingt eher entsetzlich.»

Köhli: «Dafür ist es sicher nicht gesund. Erstens körperlich - zweitens deshalb, weil die Veloatmosphäre das Gehirn angreift. Vor jedem Rennen musst du dir sagen, dass du der Grösste bist. Du bist stark, du bist toll. Du musst deine Gegner mit Optimismus beeindrucken. Natürlich strahlen alle anderen dasselbe aus. Es gibt keine andere Möglichkeit, zu siegen, als dieses unerträgliche, simple, amerikanische Denken: You can get it, if you really want: Jimmy Cliff.»

Die WoZ: «Wild, nicht?»

Armin: «Das finde ich eben das Gute: Das ganze Unternehmen hat nichts mit therapeutischem Kack zu tun. Spitzensport heisst: Ein kranker Geist in einem kranken Körper.»

Die WoZ: (lacht).

So weit Armin Köhli, WoZ-Redaktor, ein brillanter Schreiber, charmanter Mensch, und sein Gehirn scheint trotz allem noch zu funktionieren. Er ist unser Held. Auf ihn wartet harte Konkurrenz: der unschlagbare Bahn-Weltrekordler aus der Schweiz, zwei ekelhaft gute Franzosen, die gefährlichen Neuseeländer und Amerikaner. Er wird trotzdem eine Medaille holen, denn er ist toll, er ist stark and he really wants it.

Donnerstag, wenn die WoZ am Kiosk liegt, sind es noch knapp sechs Wochen bis zum Kilometer-Zeitfahren am 21. Und zum Strassenrennen am 26. Oktober. In der Zwischenzeit werden wir wöchentlich berichten: über die Vorbereitungen, die Abreise, die Gegner, den Formstand und schliesslich über Sieg oder Niederlage. Armin Köhli ist unser Held, und wir werden alles über ihn schreiben.

Alles, ausser natürlich das Wichtigste.

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