Nr. 24/2006 vom 15.06.2006

Hartnäckig und eigensinnig

Seit einem Jahrhundert streiken Frauen gegen schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne und für eine Reduzierung der Arbeitszeit. Ein Gang durch die noch immer ungenügend erforschte Geschichte der Frauenstreiks fördert eine Vielfalt von Protest- und Selbstorganisationsformen von Frauen als Lohnarbeiterinnen, Konsumentinnen und Staatsbürgerinnen zutage.

Von Elisabeth Joris

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren Schweizer Arbeiterinnen als Billig- und Italienerinnen als Billigstarbeitskräfte vorwiegend in den traditionellen und arbeitsintensiven Bereichen der Textil-, Bekleidungs- und Tabakindustrie beschäftigt. Grundsätzlich versuchten die patriarchalischen Fabrikbesitzer, die Frauenlöhne zu drücken und jegliche gewerkschaftliche Organisierung zu verhindern. Die meisten Streiks waren denn auch spontane Antworten auf Lohnreduktionen oder auf die Entlassung engagierter Gewerkschafterinnen.

Von der Streikbewegung der Jahrhundertwende …

Im Kanton Zürich folgte nach 1891 ein Streik der Seidenweberinnen dem anderen, an denen sich jeweils bis zu 400 Arbeiterinnen beteiligten. In Bern streikten die Strickerinnen und in Möhlin AG, sechs Wochen lang, die Arbeiterinnen der Strumpffabrik. In der Stickereiindustrie des Kantons St. Gallen kämpften die Frauen seit 1906 vor allem gegen die Einstellung von Nichtorganisierten, welche allfällige Lohnabkommen unterhöhlen konnten. So traten 1907 in der Firma Heine & Cie. in Arbon TG 500 meist junge italienische Nachseherinnen - welche die maschinenmässig hergestellte Ware zu kontrollieren und Fehler nachzusticken hatten - kurz vor dem Abschluss eines von Gewerkschaftsvertretern ausgehandelten Lohnvertrages in einen «wilden Streik» und verlangten nebst einer Lohnerhöhung die Entlassung von sechs Kolleginnen, die sich weigerten, der Gewerkschaft beizutreten. Die Fabrikbesitzer sperrten daraufhin die Streikenden in die Sticklokale ein (worauf diese das Lokal durch die Fenster verliessen). Ein Jahr später setzten die Arbeiterinnen den gewerkschaftlichen Organisationszwang durch.

Zu ähnlichen Streiks kam es auch immer wieder in der Tabakindustrie. Dabei appellierten die streikenden Arbeiterinnen verschiedentlich an die rauchenden Arbeiter, ihre Forderung nach Lohnsicherung mit einem «Stumpenboykott» aktiv zu unterstützen. Solche Boykottaufrufe wurden von der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft - wenn auch zögernd - immer wieder befolgt und bewirkten längerfristig meist auch eine grössere Kompromissbereitschaft der Fabrikbesitzer bezüglich Anerkennung der Gewerkschaft und Unterzeichnung eines Lohnabkommens.

Vereinzelt gründeten Tabakarbeiterinnen als Antwort auf die Aussperrung von Streikenden auch eigene Produktionsgenossenschaften. Längerfristigen Bestand hatte von diesen nur die kleinere Genossenschaft Coop in Menziken im aargauischen Wynental, dem wichtigsten Standort der Schweizer Tabakindustrie (z.B. Firma Villiger). Zu historischer Bekanntheit gelangte die von der «Arbeiterinnensekretärin» des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Margarethe Faas-Hardegger, gegründete Genossenschaft der Zigarrenmacherinnen in Yverdon VD: Nachdem der Gewerkschaft beigetretene Arbeiterinnen der Firma Vautier Frères 1907 nicht nur entlassen und auf die schwarze Liste gesetzt worden waren, sondern ihnen auch die weitere Unterbringung ihrer Kinder in der städtischen Krippe verwehrt wurde, rollten sie ihre Stumpen und Zigarren auf genossenschaftlicher Basis zu Hause. Die Genossenschaft bestand mindestens bis 1914.

... zum «politischen Massenstreik»

Die Bernerin Faas-Hardegger gehörte dem anarchosyndikalistischen Flügel («Action directe») der Arbeiterbewegung an. Als initiative Frau und Anarchistin war sie den Fabrikanten und den meist sozialdemokratischen Gewerkschaftsfunktionären gleichermassen ein Dorn im Auge. Arbeiterinnen kümmerten sich jedoch im Allgemeinen nicht um die Richtungskämpfe in der Arbeiterbewegung, sondern streikten, wenn sie selbst die Zustände für unhaltbar hielten. Damit entzogen sie sich ein Stück weit der Kontrolle der Gewerkschaftssekretäre, die spontane Streiks lieber unterbunden hätten. Da sich die Streikwelle der Jahrhundertwende jedoch erfolgreich ausweitete, versuchte Robert Grimm, der Führer des linken Flügels der SPS, 1906 in Anlehnung an Rosa Luxemburg mit dem Konzept «Der politische Massenstreik» beide Richtungen der Arbeiterbewegung zu vereinen. Von jetzt an wurde der Streik verstanden als gezielte und disziplinierte politische Antwort auf den vermehrten Einsatz von Armee und Polizei gegen Streikende bei gleichzeitigem staatlichem Schutz von StreikbrecherInnen.

Sowohl 1912, beim eintägigen, planmässig verlaufenen Generalstreik in Zürich wie auch beim landesweiten Generalstreik von 1918, der ursprünglich ebenso planmässig unter Führung einer straffen Streikleitung als ebenfalls eintägiger Proteststreik hätte ablaufen sollen, waren die Arbeiterinnen in der Streikleitung vertreten, traten jedoch nicht als zentrale Personen in Erscheinung. Aufsehen erregten Frauen dagegen während des Ersten Weltkrieges und in der Zwischenkriegszeit mit neuen, spezifischen Protestformen: Sie traten bewusst als Hausfrauen und Konsumentinnen auf.

«Wer kauft, hat Macht»

Nie zuvor waren Frauen als Zuständige für die Ernährung der Familie von der Teuerung so betroffen gewesen wie während des Ersten Weltkrieges. Als Antwort auf die horrenden Preissteigerungen von Grundnahrungsmitteln organisierten Arbeiterinnen in allen grösseren Schweizer Städten Hungerdemonstrationen oder intervenierten als Gruppen auf dem städtischen Markt. So zahlten sie unter anderem für Kartoffeln, Eier und Gemüse nur den Preis, der ihnen angemessen schien, oder sie stiessen die Marktstände mit zu teuren Produkten einfach um. Mit solchen Aktionen erzwangen sie schliesslich die Einführung staatlicher Preiskontrollen. Erstmals waren Frauen damit öffentlich als Konsumentinnen aktiv geworden.

Auf ihre Macht als Konsumentinnen setzten auch die gegen Ende der zwanziger Jahre gegründeten Hausfrauenvereine. Unvergessen ist der berühmte Milchkrieg der Bieler Hausfrauen von 1930/31, während der grossen Wirtschaftskrise. Der Hausfrauenverein Biel - unterstützt von verschiedenen gemeinnützigen Frauenvereinen, dem Lehrerinnenverein und der SP-Frauengruppe - wehrte sich gegen die «Diktatur der Milchhändler», die nur gegen Aufpreis zur Hauslieferung bereit waren. Das Aktionskomitee der Frauen rief mit der Parole «Wir Frauen kaufen, wer kauft, hat Macht, und Macht verpflichtet» zum Boykott aller Milchprodukte auf. Mit ihren Leiterwägeli gründeten sie einen eigenen genossenschaftlichen Milchvertrieb, der längere Zeit existierte. Unter dem Druck dieser Konkurrenz lenkte 1933 schliesslich der mächtige Bieler Milchverband ein. Die in der Folge gegründeten Hausfrauenvereine pflegten dagegen einen weit sanfteren Stil und passten sich in den dreissiger Jahren nahtlos der Geistigen Landesverteidigung an. Eine klare Protesthaltung verkörperten bald wieder nur die Arbeiterinnen.

Initiantinnen einer ganzen Streikwelle

Auch im Zweiten Weltkrieg litten die Arbeiterinnen unter massiven Reallohnverlusten. Die Folgen schlugen sich konkret in ihren Kochtöpfen nieder. So ist es auch nicht erstaunlich, dass Frauen als Erste nach Kriegsbeginn wieder öffentlich zu protestieren begannen: 1943 waren es die Heimarbeiterinnen mit einer grossen Kundgebung in Eriswil BE, und, kaum war der Krieg zu Ende, die Arbeiterinnen der Industriegesellschaft für Schappe (Garne aus Seidenabfall) in Arlesheim BL und Angenstein BE. Während des Krieges hatte die schon immer geringe Kaufkraft ihres Lohnes um elf Prozent abgenommen. Ein Stundenlohn genügte jetzt nicht einmal mehr zum Kauf eines Kilos Teigwaren. Den Schappe-Arbeiterinnen gelang es, vermutlich erstmals in der Schweiz, ihre männlichen Kollegen zu überzeugen, auf den «miserablen» Gesamtarbeitsvertrag-Entwurf der Geschäftsleitung mit einem Streik zu antworten.

Der Schappe-Streik war nicht nur der erste erfolgreiche Streik seit Kriegsende überhaupt, sondern auch der Anfang einer Streikserie, die bis 1947 andauerte und zu einem grossen Teil von Frauen getragen wurde: Von der Bindfadenfabrik Flurlingen SH über die meisten schweizerischen Tuchfabriken bis hin zu den gesamten Baumwollbetrieben von Uster wurden Fabriken von streikenden Arbeiterinnen lahm gelegt, um einen ihnen genehmen Gesamtarbeitsvertrag durchzusetzen. Parallel zur Streiktätigkeit nahm der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Arbeiterinnen zu, was sich nicht zuletzt in der starken Präsenz von Frauen an der grossen TextilarbeiterInnendemonstration von 1952 in Bern zeigte. Danach nahm jedoch die Kampfbereitschaft unter dem Einfluss des Kalten Krieges und der damit verbundenen Propagierung der gewerkschaftlichen Friedenspflicht schnell ab; Lohnverhandlungen waren nun Sache der Gewerkschaftsbürokratie, in der Frauen überhaupt kein Gewicht hatten. Es kam kaum mehr zu grösseren öffentlichen Widerstandsaktionen von Arbeiterinnen, genauso wenig wie von anderen Frauen - abgesehen von einigen wenigen unerschrockenen Frauenrechtlerinnen.

Zivildienst und Frauenstimmrecht

Besonders rührig waren die Baslerinnen. Dem entschiedenen Protest der Basler Lehrerinnen von 1954 verdanken wir, dass die Frauen nicht handstreichartig von Bundesrat und EMD auf dem Verordnungsweg allesamt zum obligatorischen Zivildienst gezwungen wurden. «Keine neuen Pflichten ohne Frauenstimmrecht» war ihre Parole. Die Vorlage musste als Zivildienstgesetz vors Volk und wurde 1957 abgelehnt. 1959 antworteten dann die Lehrerinnen des Mädchengymnasiums mit einem eintägigen Frauenstreik - dem inzwischen berühmten Basler Lehrerinnenstreik - auf die Ablehnung des Frauenstimmrechts. Erstmals in der Schweiz hatten damit Beamtinnen im öffentlichen Dienst mit einer politischen Arbeitsniederlegung reagiert.

Kampf um den Zeitbonus in Spitälern

Eigene Streikformen entwickelten in neuester Zeit schliesslich die öffentlichen Spitalangestellten, die die Kranken nicht einfach im Stich lassen konnten, aber nicht gewillt waren, aus diesem Grunde weiterhin als geduldige Engel zu fungieren.

Den Auftakt zu einer ganzen Serie von Protesten gaben im Herbst 1986 Hunderte von Basler Spitalangestellten, die auf die Strasse gingen, um gegen die schlechten Arbeitsbedingungen und die geschlechtshierarchische Lohnskala zu protestieren. Daraufhin entstanden in verschiedenen Spitälern Angestellten-Aktionsgruppen, die mit Kundgebungen, kurzen Arbeitsniederlegungen und öffentlichen Aktionen in der ganzen Schweiz für Aufsehen sorgten. Parallel dazu gelang dem VPOD erstmals eine breite, ja «eruptionsartige» (so die zuständige VPOD-Sekretärin Therese Frösch) Mobilisierung von Krankenschwestern. Überall forderten die Spitalangestellten Reallohnerhöhungen und einen Zeitbonus von 25 Prozent für Nachtarbeit. Bis Ende 1990 war diese neuartige Entschädigung der Nachtarbeit in den Kantonen Zürich, Bern, Basel-Stadt und Schaffhausen durchgesetzt.

Der landesweite Frauenstreik

In Umformung des Aufrufs zum Generalstreik von 1918 riefen Gewerkschafterinnen mit der Parole «Wenn Frau will, steht alles still!» 1991 zum landesweiten Frauenstreik auf. Dabei wurde der traditionelle Arbeitsbegriff auf alle Tätigkeitsbereiche von Frauen - ob bezahlt oder unbezahlt, ob zu Hause oder am ausserhäuslichen Arbeitsplatz - ausgeweitet. Parallel dazu weitete sich auch der Streikbegriff aus: Frauen streiken nicht mehr nur als Lohnabhängige und Konsumentinnen, sondern ebenso in ihrer Funktion als Hausfrauen, Gattinnen und Mütter. Der Frauenstreik versteht sich gleichzeitig als politischer Protest gegen die Nichteinhaltung des Gleichstellungsartikels, als Mittel der landesweiten Mobilisierung von Frauen und als Instrument zur Durchsetzung höherer Löhne und besserer Arbeitsbedingungen - zu Hause wie im Erwerbsleben. Dabei gibt es - im Gegensatz zum von oben, zentral geplanten und kontrollierten Generalstreik von 1918 - beim Frauenstreik statt einer Streikleitung nur Koordinationsstellen, die selber keinen Überblick über alle möglichen Aktionen und Streikformen haben - und auch keinerlei Absicht hegen, diese zu kontrollieren. Über die Protestformen entscheiden die beteiligten Frauen: unüberschaubare Vielfalt hat die Disziplin ersetzt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch