Nr. 17/2006 vom 27.04.2006

Das wochenlange Schweigen

Von Bettina Dyttrich

Lieber gar nichts schreiben als die Gerüchte in den anderen Medien wiederholen - so dachte wohl die WOZ-Redaktion. Zwanzig Jahre später wirkt es dennoch seltsam: In der WOZ vom 30. April 1986 steht nämlich nichts über Tschernobyl. Kein einziges Wort.

Auch in den folgenden Wochen kommt die Berichterstattung über den Reaktorunfall nur langsam in Gang. Am 7. Mai ist das Thema zwar auf der Seite 1 - aber nur in einer Spalte, das Hauptgewicht gilt Niklaus Meienbergs Leitartikel zur neuen Serie «Fabrikreportage». Liegt das an der Katastrophenmüdigkeit nach Seveso, Bhopal und der dauernden Angst vor einem Atomkrieg? «Angst macht nicht aktionsfähig, Angst lähmt», schreibt Lotta Suter auf Seite 9. Gleichzeitig ist sie erstaunt, wie wenig Angst die Leute haben: «Uns in der Schweiz kann nichts passieren. Als ob die Radioaktiv-Wolken irgendwelche Grenzen kennen würden, als ob sie unsere propere Neutralität respektierten. Als ob bei uns alles und auch das anders wäre.»

«Unsere Atomkraftwerke sind viel sicherer!», sind sich die AKW-BefürworterInnen im Westen einig und passen den Unfall ein ins bequeme Schema des Kalten Krieges. Lotta Suter dagegen: «Elektrifizierung + Sowjetmacht = Kommunismus, so sagte es Lenin, so stehts heute noch in Moskau. Tschernobyl ist eine Demontage dieser Idee von Fortschritt - auch der westlichen Variante. Doch jetzt, wo die Verletzlichkeit der Hochtechnologie ganz blossgelegt ist, spüren wir kaum mehr Betroffenheit. (…) Warum die Angst nicht mehr zu Analyse und Rebellion sich entwickelt wie 68? Nicht mehr in blanke Wut umschlägt wie 80? Sind wir so erschlagen von der Komplexität unserer Welt, so unsicher angesichts der Ungleichzeitigkeiten der Entwick-lung, dass wir auch angesichts eines Tschernobyl uns arrangieren?»

In der folgenden Woche bekommt Tschernobyl dann mehr Platz: mit einem Leitartikel und einer ausführlichen Dokumentation der Ereignisse und der Medienberichterstattung. Erwähnt wird zum Beispiel eine fast schon rührende Rede von Bundesrat Leon Schlumpf in der Samstagsrundschau: «Eine absolute Sicherheit gibt es ja im Leben überhaupt nicht und bei Technologien besonders nicht. Aber die Frage ist, ob Risiken, die da sind, verantwortbar sind, und ich möchte nicht sagen, dass ein Störfall in der Schweiz nicht auch möglich wäre, aber die Auswirkungen von so einem könnten durch die Vorkehren, die bei unseren Kernkraftwerken getroffen werden, verhindert werden.»

Am 23. Mai vergleicht Pipo Surber von Berlin aus die Reaktionen in der Schweiz und in Deutschland: «Der Unterschied zur Schweiz: Ein Grossteil der verseuchten Bevölkerung glaubt den MinisterInnen und Senatsmessstellen nicht. Das Bedürfnis nach Gegeninformation ist gross. (…) Organisiert haben sich alle: Die AusländerInnen, die schwangeren Frauen und die Hebammen, an deren Demo letzten Samstag über 10000 Personen teilnahmen. Die Kindergartenstätten und die Lebensmittelkollektive (…) 3000 SchülerInnen, die am 9. Mai spontan die Schule bestreikten und in einem Demozug durch die Innenstadt zogen.» Doch «zurück in Zürich kommt alles wieder gut»: Es gibt frische Milch und Salat, und alle essen gehorsam. «Die Schweizer Werte sind so hoch angesetzt, dass zu grosse wirtschaftliche Einschränkungen umgangen werden können.»

In Deutschland dagegen brodelt es in der Anti-AKW-Bewegung: In der gleichen WOZ meldet Luitgard Koch «bürgerkriegsähnliche Zustände» aus dem bayerischen Wackersdorf, wo 20 000 Protestierende den Bau einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage verhindern wollen. Der Widerstand wird erfolgreich sein, aber hunderte werden dabei verletzt, und zwei Protestierende sterben während Polizeieinsätzen.

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