Nr. 18/2006 vom 04.05.2006

Polizeiliche Ausschreitungen

Von Bettina Dyttrich

Es war ein 1. Mai wie jedes Jahr in Zürich: Zuerst der grosse Umzug, dann für die meisten das gemütliche Fest im Kasernenhof und für die anderen die nicht so gemütliche Nachdemo. Doch 1996 wurde es für alle ungemütlich: «Die Zürcher Polizei hat mit einem an Brutalität bis anhin kaum gesehenen Einsatz die Nachdemo aufzulösen versucht und dabei Dutzende von Tränengaspetarden in den abgeriegelten Festhof geknallt», schrieb Patrik Landolt zwei Tage später auf der Titelseite der WOZ. «Mehrere Zeugen beobachteten, wie Polizisten gezielt über die Zeughäuserbauten in den Festhof schossen. Drinnen fielen die Petarden mitten in die Menge. Damit nicht genug: Die Fluchtwege wurden während längerer Zeit abgeriegelt, Polizeigrenadiere waren ringsum aufgestellt, Wasserwerfer rasten um das Kasernenareal und verspritzten eine Wasser-Tränengas-Mischung.» Im eingenebelten Hof brach Panik aus, es gab mehrere Verletzte, ein Kleinkind starb fast an Atemstillstand.

«Bis anhin galt in Zürich, dass selbst bei militanten Auseinandersetzungen am Rande der Demo die Polizei den 1.-Mai-Anlass weder stört noch bedroht und sich vom Zeughaushof fernhält», schrieb Patrik Landolt. «Dies ist nun offenbar anders geworden. Unter der Leitung des sozialdemokratischen Stadtrates Robert Neukomm gibt die Polizei deutliche Signale, wo sie bei gesellschaftlichen Konflikten künftig stehen will.» Neukomm hatte vor dem 1. Mai die ZürcherInnen aufgefordert, die Kinder zu Hause zu lassen. War der Angriff auf den Kasernenhof also von Anfang an geplant? «Ob sich die Zürcher SP einen sozialdemokratischen Polizeichef weiterhin leisten will, der auf sie selber losschlagen lässt, wird sich noch weisen.»

Die meisten Medien empörten sich mehr über die Nachdemo als über den Polizeieinsatz - vor allem nachdem die grosse Zahl von minderjährigen Verhafteten bekannt wurde. «Chaoten: Es sind Kinder», titelte der «Blick». Am 4. Mai demonstrierten diese «Kinder» Seite an Seite mit GewerkschafterInnen aus dem 1.-Mai-Komitee «gegen Polizeiterror». Der damalige WOZ-Redaktor Matthias Baer sprach mit vier jungen 1.-Mai-Demonstranten, die dem Klischee von den unpolitischen Krawallanten überhaupt nicht entsprachen. Und ein Aktivist der Achtzigerbewegung meldete sich in der WOZ zu Wort: Fredy Meier, 1980 als Bewegungsaktivist «Herr Müller» bekannt geworden. «Was geht da ab? Wer mit Jugendlichen in direktem Kontakt steht, darf sich nicht wundern. Im Gegenteil: Erstaunen müsste eher, warum nicht noch viel mehr Kids den Strassenkampf wählen, um ihre Wut auszudrücken. Denn Gründe haben sie genug.»

«In Berichten der siebziger und achtziger Jahre ist immer auch von der Lehrerschaft und den Eltern die Rede, denen man gerne eins ausgewischt hat. Wer will sich heute in der Schule unmöglich machen, wo doch allen klar ist, wie eng es geworden ist. Und wer hat Lust mit den liberalen Eltern zu streiten, auf deren Unterstützung oder zumindest Wohlwollen man angewiesen ist, weil heute wieder vermehrt zu Hause gewohnt werden muss. Die Wut bleibt. Die Polizei auch.»

Meier zitierte ein Flugblatt von älteren AktivistInnen, die zur Solidarität mit den Jungen aufriefen: «Als Angegraute müssten wir mindestens ab und zu unsern Arsch vom Bürosessel und Fernsehzimmersofa erheben, mitmischen und vielleicht einmal bei Gelegenheit unaufdringlich ein paar Sachen aus unserem Erfahrungsschatz in die Diskussion einwerfen.» Einige Jahre später gab es tatsächlich wieder mehr Kontakt zwischen Jüngeren und Älteren, etwa an Anti-Wef-Demos. Die Zürcher Polizei hingegen ist immer noch sozialdemokratisch geführt.

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