Nr. 40/2006 vom 05.10.2006

Macht und Machtkämpfe in der WOZ

Wie überlebt man die WOZ? Wie laufen Intrigen und Machtkämpfe? Wie schafft man Ideen durch Sitzungen? Wie reisst man Projekte an? Wie überlebt man die Saurier, die einen sonderbarerweise eingestellt haben? Wie scheitert man? Eine Beichte.

Von Constantin Seibt

Ich lag am Strand in Sharm el-Sheik. Palmen, Diener, ein Last-Minute-Ticket, und ich kochte vor Behagen und Wut. In der WOZ hatte man mir Tage zuvor – weiss Gott, warum – einstimmig die von mir redigierte Weihnachtsbeilage abgeschossen. Angeblich wegen «zu geringer Qualität». Ich verstand es nicht. Später wurde jeder einzelne der verdammten Texte veröffentlicht. Ich nahm ein Flugzeug nach Ägypten.

Es war ein Tief- und ein Höhepunkt gleichzeitig in meiner Karriere in der WOZ. Erst später erkannte ich meinen Fehler: Ich hatte einige Tage zuvor Zweifel geäussert, ob das mit der Beilage gut kommen würde. Und mich dann energisch in die Arbeit gestürzt. Je übernächtigter ich aussah, je mehr die Beilage auf dem Chaos meines Pultes Gestalt annahm, desto besorgter waren die massgeblichen Leute. Und als ich dann halb tot und glücklich mit den sechs Seiten erschien, waren die Meinungen gemacht.

Und ich hatte wenigstens danach etwas richtig gemacht: Ich hatte einen beeindruckenden Wutanfall bekommen. Und da Emotionen in der WOZ immer beeindrucken, bekam ich zwar nicht die Beilage, aber frei. So lag ich nun in Sharm el-Sheik.

Unter Sauriern

Als ich 1997 anfing, wurde die WOZ von etwa sieben oder acht Sauriern beherrscht, die sich in verwirrenden Koalitionen bekämpften. Es war eine ebenso kompetente wie temperamentvolle Herrschaft. Nicht, dass jeder Artikelvorschlag ein Nacktbad im Haifischbecken gewesen wäre, aber man wurde immer wieder unerwartet gebissen.

Leichtgewichtig wie ich war, richtete ich mich in meiner Nische ein. Zum Kerngeschäft der WOZ, zu Politik oder auf der Frontseite durfte ich («ein im Grunde bürgerlicher Feuilletonist mit Pseudopunkallüren», wie es in einem Rundbrief hiess, der vergeblich meine Entlassung forderte) jahrelang nicht schreiben. Aber dafür liess man mir die Kuchenstücke: eine komische Kolumne und Dinge wie Krimis und Ufo-Kongresse. Das war in einer seriösen Politzeitung nicht das schlechteste Los: Auch linke Leser mögen Kuchen.

Aus der Sicherheit meines Pultes beobachtete ich hungrig die Kämpfe. Sie waren aus zwei Gründen verwirrend: Zum Ersten dachte ich lange, dass ich zu wenig von Politik verstünde, bis ich eines Tages entdeckte, dass das Problem ein anderes war. Persönliche Verstimmungen wie simple handwerkliche Fragen – ob ein Text gut geschrieben sei, etwa – wurden damals nach linker Tradition öfter mit politischen Argumenten begründet: was fast immer in grosser Verwirrung endete.

Zum Zweiten stimmte die Macht nie mit irgendwelchen Gremien überein: Fast jeder Entscheid (etwa der Geschäftsleitung) konnte an irgendeiner Sitzung von einem erzürnten Saurier kassiert werden. Ich lernte. Das Wichtigste war, rechtzeitig Verbündete zu suchen – schon allein deshalb, weil niemand Überraschungen liebt, schon gar nicht, wenn es Ideen sind, egal ob gut oder schlecht. Wie in fast jedem Unternehmen hatte auch in der WOZ der Kaffeeautomat die echte Macht: Wenn dir eine Idee am Herzen liegt, bringe sie nicht in der Sitzung, sondern bereite die Leute vorher darauf vor. Am besten, indem du mindestens einen Saurier (oder zwei Kleinechsen wie mich) im Vorfeld dafür interessierst. Kaffee trinken ist wichtigste Arbeit.

Das Zweite, was ich tat, war langsam ebenfalls zu marodieren, wenn auch nur im Traum: Ich rümpfte die Nase über die Schriftsteller-Gastautoren, die Gejammer und linken Kitsch schrieben, ich mochte die Ruppigkeit der Umgangsformen nicht, ich fing langsam an, das Feuilleton zu verlassen und mich auf ein freies Feld zu begeben: Ich interessierte mich für Wirtschaft. Diese wurde damals fast nur moralisch kritisiert, selten aber kompetent. Ich las heimlich Bücher.

Das Dritte, was ich lernte, war Bewunderung: für die WOZ als System.

Das System WOZ

Die WOZ als System hat einige Schwachstellen. Die edelste und niedrigste: Es kann niemand entlassen werden. Faulheit, Inkompetenz, sogar Sabotage kann somit nur durch Ignorieren oder Mobbing geahndet werden. Das führt oft zu Grausamkeiten: Je energischer jemand ignoriert oder gemobbt wird, desto mehr nimmt ihn das gutherzige WOZ-Kollektiv in Schutz. Wodurch das Mobben wieder abnimmt, das Problem aber bleibt. Ebenso gut könnte man jemand mit einem Nagelschneider ermorden.

Diese Fälle sind sehr selten, aber teuer: Denn da die WOZ funktionieren muss, wird meist eine kompetenten Person zusätzlich mit der Aufgabe der inkompetenten Person betraut – was Strukturen, Ärger und Kosten verdoppelt.

Trotzdem ist die WOZ zäh und gesund. Fast alle der Kollektive der achtziger Jahre explodierten, die WOZ nie: trotz viel Temperament. Dies hat einen Grund: die WOZ betreibt Journalismus. Also ein Handwerk, in dem das Resultat Woche für Woche sichtbar ist. Und jeder sieht genau, was der andere tut. So hat die WOZ unausgesprochen ein geradezu superkapitalistisches Kontroll- und Bonifikationssystem: Nur, dass Leistung nicht in Geld bezahlt wird, sondern in einer anderen Währung: in Macht. Wer einen Text verhauen oder viel zu spät geliefert hat, wird an der nächsten Donnerstagssitzung nichts zu sagen haben. Die Macht aller WOZ-Mitglieder zittert je nach Performance wie ein Aktienkurs. Und genau das ist der Grund, warum Intrigen in der WOZ nie wirklich bösartig werden: Sie dauern kaum je mehr als zwei Wochen. Denn wer ernsthaft intrigiert, kann nicht ernsthaft arbeiten. Und damit sinkt automatisch die Macht des Intriganten. Ende der Intrige.

Ein weiterer Grund ist, dass die WOZ-Mitglieder fürstlich entlöhnt werden. Nicht mit Geld, sondern mit Freiheit: Theoretisch ist alles für alle möglich, jede Veränderung an jeder Stelle der Zeitung und des Betriebs. Alpträume sind möglich, ja, aber auch Träume. (Wie jede gelebte Utopie ist die WOZ etwas grausam.) Gerade das strukturelle Vakuum an Macht saugt mutige Leute an: mit Illusionen, Hunger und Plänen. Und deshalb finden sich im WOZ-Kollektiv auch immer wenige Indianer und viele Häuptlinge.

Dies machte auch den finsteren Charme der Dinosaurier aus: Sie waren nicht nur gefährlich, sondern wirklich gross. Nur Idioten glauben, dass man sich, um Statur zu bekommen, am besten unter Zwerge begibt. Man schrumpft dann schnell. Man ist - gerade in einem halbkünstlerischen Handwerk wie Journalismus – nur so gut wie deine Nebentische. In der WOZ waren sie gut besetzt.

New Economy Paper

Die Attraktivität eines Vakuums: Dies ist der Grund, warum wichtige Leute in der WOZ keine Lücke hinterlassen. Unverzichtbare Schreiber, Herrscherinnen, Sitzungstiger gehen – und sind innert Wochen vergessen. Es ist, als würde man ein Stück Dschungel roden: Unscheinbare Pflanzen nehmen ihren Platz ein, als wäre es nie anders gewesen.

Im Sommer 2001 ging fast die komplette Inlandsredaktion: Jahrzehnte Kompetenz verschwanden auf einen Schlag. Stattdessen kam ein jüngeres, komplett neues Team, zusammengewürfelt aus einer «Annabelle»-Redaktorin, einem verträumten «Folio»-Volontär, einem Exkampfpiloten der Schweizer Armee und dem WOZ-Layouter mit den besten Nerven. Das Erste, was passierte, war der 11. September. Und dann das Swissair-Grounding, der Börsencrash, das Attentat von Zug, zwei Flugzeugabstürze, die FDP-Krise und der Tunnelbrand im Gotthard.

Es war eine wilde Zeit. Wir hatten alle wenig Ahnung, also musste man sich helfen. Die Stimmung war fröhlich: Eine halbe Zeitung lag verwaist. Nie habe ich Leute so arbeiten, nie so schnell lernen gesehen. Nie habe ich so schnell gearbeitet und gelernt.

Die WOZ glich einer New Economy Firma: Man lebte in den Medien, im Müll der Pizzaschachteln, logierte in einem Trendquartier (Zürich West), besass wenig Geld, grosse Hoffnungen und Anteile an einem Unternehmen, die nichts wert waren. Musste ich vorher jahrelang dienen, bis man einen Frontartikel schreiben durfte, gab es nun Platz und Frontartikel für alle. Höflichkeit, Spass, nicht jammern, Recherche, naiv fragen, scharf schiessen, das war ungefähr der Konsens. Wenn schon keine schlagkräftige Linke existierte, so konnte man doch eine virtuelle in der Zeitung aufbauen: neugierig, kaltschnäuzig, im Umgang freundlich.

Freundlichkeit war das Wichtigste: In einem schlecht gelaunten Kollektiv ist eine Nein-Mehrheit zu jedem Vorschlag fast sicher, die Luft im Sitzungszimmer wie Haargel. In einem gut gelaunten Kollektiv kommen nicht nur die kühnsten Vorschläge durch, man hat auch zwei, drei Leute, die mitmachen.

Kein Wunder, waren wir innert Kürze bis über die Ohren mit Projekten bedeckt: Das mörderischte war ein kompletter Relaunch der Zeitung. Zum Zweck der Einigung der Redaktion griff die WOZ im Frühling 2002 die «Weltwoche» mit einem Übernahmeangebot an. Die Botschaft dabei war vor allem eine interne: Willst du Einigkeit nach innen, lanciere einen Krieg gegen aussen. Es klappte. Rund ein Dutzend Arbeitsgruppen tagten in dem Rekordsommer 2003 nebeneinander: Ein einiges Kollektiv kann teuflisch effektiv sein. Wenn alle informiert sind, muss man nur zwei beliebige Leute delegieren. Sie werden schon das Richtige tun.

Es war ein heisser, harter Sommer, und wir machten den ersten grossen Fehler: Niemand hatte gewusst, dass nach dem Relaunch mehr Arbeit anfällt als vorher. Wir dachten: Vorher ist die Arbeit, nachher kann man wieder Journalismus machen. Niemand sagte uns: neue Leute, drei neue Ressorts, neue Abläufe, neue Buchhaltungssysteme sind gefährlich. Überall brechen kleine Feuer aus.

Der Relaunch klappte, was die Zeitung und die Leserzahlen betraf, aber er traf auf eine tapfere, aber erschöpfte Crew. Das wäre kein Unglück gewesen, hätten die Buchhaltungssysteme nicht versagt. Als im Januar 2005 aufgeräumt wurde, standen wir, und stand die WOZ, nur Zentimeter vor der Pleite.

Grosse Krise

Wie der optimistische Aufbruch, so hat die grosse Krise Tradition in der WOZ. Es ist die Situation, für die ein Kollektiv am schlechtesten gerüstet ist: Die Fragen: Haben wir überhaupt eine existenzbedrohende Krise? Was für Massnahmen sollen getroffen werden? Und von wem?, werden in unzähligen Sitzungen in verschiedenster Zusammensetzung neu diskutiert. Und zwar alle zehn Minuten wieder. Jeder diskutiert mit jedem, jeder ist mit jedem in immer anderen Punkten uneinig. Jeder sucht, keiner findet einen Hebel zur Macht. Und manchmal ist die Stimmung wie in einem Rettungsboot, wo die hungernden Passagiere demokratisch diskutierend den Konsens suchen, wer gegessen werden soll.

Am Ende retteten die WOZ die beiden einzigen glaubwürdigen Instanzen: die nur Wochen vor der Krise eingeführte Redaktionsleitung und die neue Buchhaltung. Ich sah mich an: In den acht Jahren, in denen die WOZ mein Leben gewesen war, war ich eindeutig gewachsen. Ich hatte nun so viele Kolumnen und Leitartikel geschrieben, dass ich sie fast im Schlaf klingeln lassen konnte. Narben und Schuppen bedeckten meinen Körper. Auch mein Gebiss hatte sich entwickelt.

Vor meinem letzten Arbeitstag verbrachte ich noch eine Nacht in der Redaktion und fand in meinen Schubladen einige uralte Exemplare der WOZ, noch aus der Zeit der Saurier. Sie waren überraschend frisch. Später, als ich die WOZ nur noch im Briefkasten erhielt, gefiel sie mir auch.

Ich ging, in Liebe, ohne eine Lücke zu hinterlassen.

Constantin Seibt war zwischen 1997 und 2005 Redaktor und Kolumnist der WOZ. Heute arbeitet er als Reporter beim «Tages-Anzeiger».

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