Nr. 17/2006 vom 27.04.2006

Zurück in Zürich kommt alles wieder gut

Radioaktivität in Westberlin und in der Schweiz

von Pipo Surber

Am 14. Mai meldet der französische Strahlenschutzdienst, dass die «radioaktive Wolke» die Erde umkreist hat und wieder über Westeuropa schwebt. In achtzehn Tagen um die Welt, und nur jenes kleine neutrale, gegen alle Gefahren gefeite Schweizervolk hat es fertig gebracht, mit der Giftwolke umzugehen, Plutonium, Cäsium und Strontium in der Luft, am Boden und in den Lebensmitteln gleich kollektiv zu neutralisieren. In der Fernausgabe der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 16. Mai ist zu lesen, dass sich die in der Schweiz gemessenen Werte wieder normalisiert hätten. Der ganze Zauber scheint vorbei, die Medien auf dem Weg zur Tagesordnung und: radioaktive Verseuchung - was ist das?

Auch in Westberlin und der BRD sind die Meinungsmacher seit längerem daran, zur Tagesordnung überzugehen. Tägliche Strahlenbulletins, die wieder «Normalwerte» angeben, Entwarnungen und Aufhebung von Verboten wie jenes von Sandkästen auf Kinderspielplätzen, in denen Tage zuvor das Spielen schlicht verboten war. Presse, Radio und Fernsehen sind voll von Meldungen, die mit «keinesfalls besorgniserregend» enden. Ganz selten, zwischendurch sozusagen, die Reportagen aus dem Volke. Der Sender Freies Berlin interviewt am 15. Mai eine Konsumentin, die sich allen offiziellen Beteuerungen zum Trotz erlaubt hat, eine Packung Milchpulver ohne Datumsangabe auf Strahlenwerte untersuchen zu lassen, und damit nachwies, dass die verseuchte Frischmilch tatsächlich zu Pulver verarbeitet wird und unkontrolliert in den Handel gerät. Radioaktives Recycling also. Dem Interview wurden gleich drei weitere hinterhergeschickt. Eines mit dem Filialleiter des Warenhauses, aus dem das Pulver stammte, von welchem er selbstverständlich «keine Ahnung» hatte, und zwei weitere mit dem Berliner Gesundheitsamt und der Senatsmessstelle, in welchen das beruhigende Wörtchen «unbedenklich» gleich mehrmals hintereinander gereiht wurde. Unerfreuliches verlautet dagegen nur, um Messergebnisse so genannter «nichtoffizieller» Institute als nicht vergleichbar, «nichtsystematisch» zurückzuweisen.

Der Unterschied zur Schweiz: Ein Grossteil der verseuchten Bevölkerung glaubt den MinisterInnen und Senatsmessstellen nicht. Das Bedürfnis nach Gegeninformation ist gross. Die Flugblätter, die DemonstrantInnen in der Lebensmittelabteilung des Warenhauses Karstadt verteilten, wurden diesen geradezu aus den Händen gerissen. Die linke «tageszeitung» (taz), die täglich über mehrere Seiten über Tschernobyl und seine Folgen berichtet, hat allein in Westberlin ihre Kioskauflage auf 55 000 Exemplare verdoppelt und ist immer wieder ausverkauft.

Erster Eindruck nach wenigen Gehminuten durch die Quartiere Schönenberg und Kreuzberg (jedes alleine grösser als Zürich): Überall hängen Transparente, kleben mehrsprachige Flugblätter. Das städtische Sozialamt, in dem auch eine Kindergartenstätte eingerichtet ist, warnt vorsichtiger (STECKT DEN KOPF NICHT IN DEN SAND. ER IST VIELLEICHT RADIOAKTIV VERSEUCHT) als das Transpi an einem bunten Haus ein paar Strassen weiter (HAARAUSFALL, KOTZEN, SCHEISSEN: DA HILFT NUR NOCH STEINE SCHMEISSEN).

Zweiter Eindruck: Tschernobyl ist überall. Das Leben vieler ist bestimmt von radikal eingeschränkten Essgewohnheiten, während des Fall-out noch waren die Fenster stets geschlossen, und nach jedem Aufenthalt im Freien wurde geduscht. Gespräche enden immer wieder beim selben Thema, Salat gibt es schon seit drei Wochen nicht mehr, und in einem Laden bekomme ich dafür gleich radioaktive und nichtradioaktive Milch zur Auswahl angeboten. Unsicherheit ist vorherrschend, was darf noch gefressen werden? In einem Interview mit der Berliner «taz» (17. Mai 1986) erklärte der in einer Berliner Lebensmittelüberwachungsstelle arbeitende Kernphysiker Karl Berger (Name von der Red. geändert), dass «die zulässigen Grenzwerte für Milch und Gemüse» schlicht verwechselt wurden: «In Fachkreisen erzählt man sich, dass einer der Herren von der Strahlenschutzkommission sich gegenüber der Presse vorschnell geäussert hat. Und da nun dieser Wert draussen war und um die Bevölkerung nicht noch mehr zu verwirren, hat man sich allgemein dahinter verschanzt.»

Für Cäsium 137 wurden bisher noch überhaupt keine Werte festgelegt. Berger: «Die interne Erklärung ist die, dass bisher keine Landesbehörde und schon gar nicht der Bund den Mut hat, einen Grenzwert festzulegen, weil nicht abschätzbar ist, wie viel Cäsium letztendlich ins Fleisch kommt. Grob gesagt, wenn der Grenzwert zu niedrig angesetzt wird, ist die Masse des Fleisches, die nachher vernichtet werden muss, entsprechend grösser. Die Abschätzung läuft nicht nach Risikovorsorge, sondern nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten.» Unterdessen hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Bonn eine Gegenkommission zur staatlichen Strahlenschutzkommission eingerichtet.

Organisiert haben sich alle. Die AusländerInnen, die schwangeren Frauen und die Hebammen, an deren Demo letzten Samstag über 10 000 Personen teilnahmen. Die Kindergartenstätten und die Lebensmittelkollektive, die in einer Blitzaktion letzte Woche innert dreier Minuten mehrere Autoladungen verseuchtes Obst, Gemüse, Milch und Erde vor dem Sitz des Berliner Innensenators deponierten. 3000 SchülerInnen, die am 9. Mai spontan die Schule bestreikten und in einem Demozug durch die Innenstadt zogen. Von jeder Gruppe und in jedem Stadtteil sind Kontakttelefone eingerichtet worden, die über die täglichen Informationsveranstaltungen, Versammlungen, Kundgebungen und Aktionen Auskunft geben. Aufrufe für einen Stromzahlungsboykott, eine «Agentur für die Selbstaufhebung des Proletariats» fordert die «SOFORTIGE WELTWEITE STILLLEGUNG DER HERRSCHENDEN KLASSE», und in der Gedächtniskirche wird für Frieden und saubere Umwelt, gegen Atomkraftwerke meditiert. Die Liste der Antistrahlenaktivitäten ist unendlich und täglich in der «taz» nachzulesen.

Zurück in Zürich kommt alles wieder gut. Im Kühlschrank stosse ich auf Frischmilch und Salat, unbedenklichen natürlich. Ich führe mir das WOZ-Dossier «Tschernobyl - Tag für Tag» (WOZ Nr. 20/86) zu Gemüte und stelle fest: Spinat verboten in Italien und Frankreich, keine Schweizer Käseexporte mehr nach Italien und nur geringer Frischmilchkonsum in der BRD. Die Schweizer Behörden erlassen keine Verbote. Schweizer Werte sind so hoch angesetzt, dass zu grosse wirtschaftliche Einschränkungen umgangen werden können. So gesehen fragt sich, wie die SchweizerInnen und im Speziellen die Anti-AKW-Bewegung mit dieser Situation umgehen. Sie hat die vorgegaukelten Werte buchstäblich gefressen.

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