Nr. 20/2006 vom 18.05.2006

Abbruch um jeden Preis

In einer überstürzten Aktion wurden letzte Woche drei Liegenschaften an der Zürcher Zweierstrasse geräumt und abgerissen: Diese Blitzaktion, bei der die rasche Vertreibung der BewohnerInnen im Vordergrund stand, forderte drei Verletzte: Einer davon, der dreissigjährige Bauführer und Architekt, starb an den Folgen des Einsturzes einer Mauer. Die andern beiden liegen im Spital.

Mit kompromisslosem Durchgreifen will Stadtpräsident Thomas Wagner (FdP) das Wohnungsproblem in Zürich lösen und das Recht auf Eigentum schützen. Seine Mannen verteidigen dieses Recht auf Spekulation mit Gewalt. Unterstützt werden sie durch die städtische Feuerwehr, die von der Stadtpolizei bei fast jeder Räumung eingespannt wird; unterstützt aber auch, unter lautem Applaus, von Zürichs Rechtsfreisinn, von Spekulanten und Profiteuren. Wie zum Beispiel dem Abbruchspezialisten und Häuserspekulanten Rüdisühli, der seine leer stehenden Liegenschaften schon mal der Polizei für ein Antihäuserbesetzertraining zur Verfügung stellt. Rüdisühlis Firma war auch am Abbruch an der Zweierstrasse am Donnerstag vergangener Woche beteiligt und mitverantwortlich für die Konsequenzen der rigorosen Staatsaktion im Dreieck: ein Toter, zwei Schwerverletzte und zwanzig Leute ohne Wohnung. Mit Pressecommuniqués haben pda Zürich, Poch Zürich und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Koordination gassennaher Einrichtungen gegen die Eskalation der Gewalt protestiert und personelle Konsequenzen gefordert. Wir dokumentieren hier eine Presseerklärung der ehemaligen BewohnerInnen der Häuser Zweierstrasse 47, 49 und 53 in Zürich:

«Heute Morgen (11. Mai, Red.) gegen 09.00 Uhr rückte ein massives Polizeiaufgebot (ca. 150 Grenadiere), welches zum grossen Teil seit Montag in Bülach Häuserkampf und so genannte «Widerstandsbekämpfung» trainierte, an der Zweierstrasse an.

Die BewohnerInnen der Häuser, befanden sich zum grössten Teil schon ausserhalb der Gebäude. Da es bezüglich des Hauses Nr. 53 eine widerrechtliche Räumung war, bestanden einige BewohnerInnen auf ihr Recht als auszugsboykottierende MieterInnen. Nach dem Ultimatum der Polizei verliessen auch sie die Gebäude und wurden einer Personenkontrolle unterzogen. Die Polizei drang daraufhin in alle Gebäude ein, ausgerüstet mit Kampfgas, Wasserwerfer. Hinter einem dichten Grenadier-Cordon wurde mit den Absperr- und Abbrucharbeiten begonnen. Mit dem Bagger wurde ein im Hinterhof stehender Baum niedergefahren, der auf das Dach der angrenzenden (sich nicht im Abbruch befindlichen) Liegenschaft stürzte. Ohne jegliche baupolizeiliche Sicherheitsvorkehrungen (einzig und allein ein Cordon Grenadiere rund um die Liegenschaft ...) hatten die Abbrucharbeiten begonnen. Aufgrund eines durch die Abbrucharbeiten verursachten Wasserschadens ging eine Anwohnerin mit einem Polizisten an der im Hinterhof gelegenen Liegenschaft Nr. 47 vorbei. In diesem Moment stürzten zwei Fassadenteile nach aussen und begruben einen Bauarbeiter und die Frau unter sich. Die Frau erlitt Brüche - der Mann wurde sehr schwer verletzt. Die Bauarbeiten wurden nicht unterbrochen.

Um ca. 11.40 Uhr tauchte auf dem Dach der Zweierstrasse 53 ein Mann auf, der auf die Wohnungsnot aufmerksam machen wolle. Er wolle etwas zur Situation mitteilen - auf Geheiss der Polizei wurden die Bauarbeiten fortgesetzt -, sein Protest war nicht mehr hörbar. Im Zusammenhang mit dem Übertönen des Protestes reagierte ein Anwohner, der die anwesenden Polizisten auf ihre Verantwortung in dieser Situation hinwies, insistierte, dass doch die Feuerwehr zu alarmieren sei. Bei der versuchten Verhaftung des Anwohners entstand ein kurzes Handgemenge unter Zivilpersonen und Polizisten, wobei eine Frau mit Kleinkind auf dem Arm von einem Zivilpolizisten einen Faustschlag auf den Mund erhielt. Die alarmierte Feuerwehr war aber durch das Baufahrzeug behindert, und konnte die Luftkissen nicht genügend nah an der Mauer platzieren. Beim Sturz vom Dach schrie er noch «wo wo Wohnige - ich flüge», schlug mit dem Becken auf einen vorstehenden Sims auf und stürzte zwischen Mauer und Sprungtuch. Er erlitt einen Beckenbruch. Mit dem Nichtunterbrechen der Bauarbeiten nach dem ersten Unfall und der Ignoranz über den Sturz vom Dach zeigten die anwesenden Polizisten einen unglaublichen Zynismus und eine menschenverachtende Haltung. Einzelne Beamte konnten, nachdem bekannt war, welch schwere Folgen die Unfälle hatten, den Anwesenden noch ins Gesicht lachen. Selbst Tränen, Wut und Entsetzen der anwesenden Menschen hielt sie nicht davon ab, weitere Menschen zu schlagen. Obwohl die heutigen Vorfälle an der Zweierstrasse 47, 49 und 53 Angst und Trauer auslösten, verleihen sie unseren Forderungen umso mehr Nachdruck:

• Abklärung der unrechtmässigen Räumung der Liegenschaft Zweierstrasse 53

• Öffentliche Diskussion um die willkürliche und brutale Polizeirepression

• Kein Einsatz von Prügeln, Kampfgas und Gummischrot

• Räumungs-, Abbruch- und Baustopp

• Lebens- und Wohnraum für alle

• Die Häuser denen, die darin wohnen.»

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