Nr. 04/2006 vom 26.01.2006

Der Fremdenfeind innen links

Von Linus Reichlin

«Der blässliche Mann hatte mir nichts zuleide getan. Aber ich ihm. Warum?»

Sie werde noch rassistisch, sagt sie zögernd in die Runde, nimmt es aber gleich zurück: «Nein, nein - aber trotzdem …» Unnötig, es zurückzunehmen, denn niemand in der Runde ist empört. Im Zürcher Vergnügungsviertel, zum Beispiel im Kreis 5, wird unter Linken/Alternativen über Ausländer geredet, und zwar offen - wenn auch nicht öffentlich - mit zunehmender Härte. An der Härte sind die ausländischen Drogendealer schuld, sagen sie. Einer, der das auch sagt, beschreibt, wie die Feindlichkeit bei ihm («innen links») entstanden ist.

Kap. 1

Bin ich ein Rassist, mental eine Spur verstrebelt? Die Frage muss beantwortet werden, denn sie stellt sich mir seit Sommer dieses Jahres akut. Natürlich habe ich schon früher vielleicht zwei-, vielleicht dreimal pro Jahr zum Beispiel gedacht «Jetzt schau einmal diese Japanerlnnen!» oder schlicht «Diese Ami-Säcke!» - habe mich also über gesamte fremde Völker mokiert, aber eben nicht wirklich geärgert, geschweige denn mich vor ihnen gefürchtet. Dass man sich fürchten kann vor Ausländern (ausdrücklich sind Frauen nicht mitgemeint), ist mir eine neue Erfahrung, allmählich, schleichend entstanden, seit ich im Zürcher Vergnügungsviertel beziehungsweise Drogenquartier zur Arbeit gehe.

Angst - und dann natürlich Gewalt, in meinem Fall kopf- oder vielleicht eher bauchlastige, denn eigentlich waren es meine Kutteln, die zu denken begannen, und sie sonderten etwas ziemlich Grobschlächtiges ab, vor einigen Wochen im Bus. Seither frage ich mich, wie gesagt, wie stark ich Rassist bin: Fuhr Richtung Kunsthaus, ein blässlicher junger Mann stieg zu, vertrieb sich die Fahrt mit Zeitungslesen. Ich war nur neugierig, sogar weltoffen: Was liest der für eine sonderbare Sprache? dachte ich, kiebitzte und entdeckte ein Wort mit «skipetar» drin. Schlagartig (und dank Karl May) hatte ich vom Bauch her diesen Gedanken im Kopf: Auch so ein Scheiss-Albaner! Ein mir fremder, tatsächlich schrecklicher Gedanke, vor allem irgendwie abstrus todernst, so als habe das albanische Volk mein Zimmer gesprengt und mich im Garten erschlagen.

Zum Teufel, wie konnte es zustande kommen, dass ich einen mir absolut unbekannten, blässlichen Mann für die Dauer eines bösen Gedankens (man muss sagen:) verabscheute? Ich kenne AlbanerInnen nur vom Sehen, selbst als ich (Tagesausflug, römische Ruinen von Saranda) in Albanien war, habe ich sie nur gesehen - sie waren etwas erstaunt, UNS zu sehen, aber freundlich (wir im Übrigen auch). Gut, da sind die «Schlafzimmerräuber», diese kosovo-albanische Vergewaltigertruppe, und der diesbezügliche Bericht in der «Schweizer Illustrierten» hatte mich stärker bewegt, als das vor einem Jahr noch der Fall gewesen wäre - aber diese Clique hockte inzwischen im Loch: Der blässliche Mann war unschuldig. ER hatte mir nichts zuleide getan, aber ich ihm. Warum?

Kap. 2

Im Sommer suchte ich mir ein Büroplätzchen und fand eins mitten im Vergnügungsviertel. Dieses Viertel hat etwas von einem Knochengerüst: Die Langstrasse bildet die Wirbelsäule; von ihr aus verästelt sich das Vergnügen rippenartig in die Nebenstrassen. In den Rippenzwischenräumen stehen die Prostituierten und kleine Geschäfte mit Onanierartikeln. Vergnügen verschaffen auch eine Bäckerei mit vorzüglicher Patisserie und der «Kässepp».

Am Anfang beeindruckte mich die hiesige Ruchlosigkeit ziemlich, denn man kam sich selber ein bisschen ruchlos vor; gern sah ich den firmeneigenen Karossen nach (öfter Mercedes), in denen geschniegelte höhere Familienväter mittags zur Ejakulation fuhren. Unser Büro hatte den lustigen Vorteil, dass die Halbbogenfenster nach aussen spiegelten, so dass wir Unsichtbaren von den Schreibtischen aus heimlich beobachten konnten, wie vor unserer Nase zum Beispiel grössere Mengen so genannter Opiumderivate die Hand wechselten. Mir als Neuling wurde raschestens klar, dass das traditionelle Vergnügen des Viertels zwar noch im selben Umfang wie früher praktiziert wurde, dass aber zusätzlich ein neues Vergnügen grössten Ausmasses hinzukam, eben die Veräusserung einer weissen Substanz. Die wurde hier von Kleinzwischenhändlern an Kleinstzwischenhändler verkauft - eigentlich Abhängige kreuzten selten auf oder nur, wenn sie bei wirklich steifer Bise (Wind der sorgfältigen Drogenpolitik) gewissermassen zur Quelle abdrifteten: Ansonsten war das Zentrum des Handels fixerInnenstill.

Ich könnte jetzt meine BürokollegInnen gefesselt vorführen: Wäre ich ohne sie überhaupt auf den Gedanken gekommen, dass die Pulverhändler da draussen allesamt Ausländer waren? (Wahrscheinlich schon.) Ich war Neuling, die KollegInnen hatten alles schon begriffen. Man verriegelt, wenn man allein im Büro ist, die Tür. Auch wenn man zu zweit ist, wirkt der stark im Schlossloch verankerte Stahl beruhigender als die Hoffnung, dass der eine die andere oder der andere den anderen im Notfall verteidigt gegen eindringende kuriose Figuren oder (sagen wir einmal) unterbeschäftigte, durchaus libanesische Drogenverkäufer, die sich die Zeit mit Raubüberfällen vertreiben (könnten). Manchmal hört man den einen oder andern Schuss; ich gebe zu, bis jetzt ist keiner, keine von uns getroffen worden. Vielleicht ist der gehörte Schuss die lautstarke Fehlzündung eines Motors. Könnte sein - nur: Man weiss es nicht mehr genau. Man sieht in der Gegend allerlei Personenwagen, zum Teil aber auch Pistolen in der Gesässtasche von (ich behaupte:) Libanesen. (Und wenn mans nicht selber sieht, bekommt mans von jemandem erzählt.)

Ja, kaum hatte ich meinen Schreibtisch eingerichtet (könnte ich eine Bürokollegin anschwärzen), fragte sie mich, obs mir auch so gehe auf dem Helvetiaplatz; dort stünden seit neustem, über den ganzen Platz verteilt, Grüppchen von Männern, die plötzlich auf einen zukämen, zu dritt, zu viert, dass man es mit der Angst kriege: Die kämen ganz dicht an einen heran, aber im letzten Augenblick drehten die ab, gingen ganz harmlos davon. Was wollen diese Männer (identifiziert als Kosovo-Albaner)? Sie sei nicht sicher, sagte die Kollegin, ob es nur ums Stoffverdealen gehe - auf sie wirke es wie eine Machtdemonstration: «Die wollen den Platz für sich.»

Lagebeschreibung

Wenn du auf dem Velo von der Badenerstrasse her kommst und scharf links abbiegst, kommst du zum Helvetiaplatz. Bei sommerlich warmem oder überhaupt mildem Wetter, oder je nach Beweislage der Drogenfahndung, stehen auf diesem Platz eher links, wo der Brunnen ist, mehr oder weniger Kosovo-Albaner, rechts aber, zum Café Centro hin, diverse Libanesen. Radle du ruhig durch, sie tun dir gar nichts. Sie denken, dass du einfach einE VelofahrerIn bist, und du denkst: Das sind jetzt diese Drogenhändler. Im Vorbeiradeln nimmst du vielleicht den einen oder anderen Eindruck mit: zum Beispiel, dass es alles Männer sind, jung, und dass sie (der Herr sei mit dir!) das Gesicht des internationalen Galgenvogels haben, vor allem die links (aber das ist jetzt wirklich rassistisches Denkwerk!). Erkenne du lieber sachlich, dass die rechts, die Libanesen vor dem Café Centro, mit hin und her tragbaren Telefonen ausgerüstet sind, die links (Kosovo) hingegen nur Zigaretten rauchen. Fahre du unangefochten weiter, in dein Büro zum Beispiel. Hat dich die Arbeit hungrig gemacht, so verlasse deine Werkstätte (hole Nussgipfel, etwa auch Bier) und mache dann nüchtern die Feststellung, dass dein Weg vorerst endet vor einer Gruppe junger (und sag es doch ehrlich) aufgeplusterter, in Lederjacken (nichts gegen Tamilen!), in Turnschuhen (nichts gegen den Sport!), in ziemlich penetranter, so genannt männlicher Schwänzigkeit dastehender und sich breitmachender, sich gegenseitig hochturnender Mannmänner aus Libanon, zum Teufel. Nimm einen Hammer und schlag es dir vor dem Spiegel in den Kopf, dass du nichts gegen Ausländer hast. Und dann wiederum verzweifle: Was ist das nur für eine Mischpoke, die sich in allen Strassen schon festgebissen hat und dich auf allen Wegen nonverbal anzischt («Heroin?»). Nein, du willst kein Heroin, du willst einen Nussgipfel, du verstehen? Nussgipfel! Gut Teig mit süss drin! Ist dir doch mit der Zeit egal, ob die von ihren Familienbanden in den Drogenring gepresst werden; immer frecher (scheint es dir) stehen die überall herum, mafiös, als unangenehme Ausländer. Sei ehrlich! Sie tun dir nichts, die Drogenviertellibanesen. Aber sie wollen auch nicht in deine offenen Arme, und du willst sie nicht herzlich einweihen in die Sitten des Gastlandes; sie sind keine Gäste (du spürst es bei der Mutter Gottes), es sind Händler, reisende Stofftrödler, kraushaarig, dunkelhäutig rechts (Libas) oder breite Backenknochen links (Kosovo). Verzweifle, denn du redest schon von «breiten Backenknochen»! Kein Trost, dass ein anderer, ein grösserer Internationalist als du, ein ausgewiesener Sympathisant der FMLN und Erstmaigänger, noch viel knochiger von «Internierung» spricht (am WG-Tisch).

Kap. 3

Eisigere Zeiten, die Haare werden kürzer, in Deutschland (sagt mir eine Verkäuferin) gehen Lederhosen (und nicht die bayrischen, sondern die schwarzen, harten) weg wie Weggli. Hierzulande bestellt eine (Bewohnerin des Drogenquartiers) ein Taxi, nur um nicht zu Fuss durch die Langstrassunterführung (Drogenort) zu müssen; sie erzählt, wie sie sich jeweils vorstellt, sie hätte im Absatz Giftpfeile. Und wenn nun wieder eine Manngruppe Jugos oder Libanesen sich auf dem Trottoir breit macht, es geradezu unpassierbar macht für eine Frau, würde sie (am liebsten) scharf auf den Absatz treten, dann flögen die Giftpfeile den Verdammten in die Herzen. Sie werde noch rassistisch, sagt sie zögernd in die Runde (alles Herzenslinke), nimmt es aber gleich zurück: «Nein, nein - aber trotzdem …» - unnötig: Niemand hat sich empört. Ich zum Beispiel sagte, grad gestern habe die Polizei an der Langstrasse ein Haus geknackt und ein paar Dutzend Kosovo-Dealer eingepackt (ich hatte in der Zeitung gelesen, dass das Einsatzkommando bei der Aktion von ZuschauerInnen beklatscht worden war), und ich sagte, ich hätte auch geklatscht. Daraufhin sagte einer (der zuvor schon gesagt hatte: Die FixerInnen HABEN ein Drogenproblem, aber die kosovo-libanesische Drogenmafia IST das Drogenproblem), dass er mir keinen Vorwurf mache; schlimm sei nur, dass man (also er) sich solche Polizeieinsätze mittlerweile schon richtiggehend erhoffe, leider.

Kap. 4

Zum Teufel, was ist nur los? Überall Drogenschieber und allesamt libanesisch oder kosovoisch, Hoyerswerda, Mölln (wie man hört), Internierung (FLMN), Giftpfeile, (von OpernhauskämpferInnen 1980) erhoffte Polizeieinsätze. (Wäre doch die Sowjetunion noch und die Mauer! Nie hat man sie für so wertvoll gehalten wie heute.) Endlich ist Dezember, ein eisiger Wind fegt um die Kebabbude, vertreibt die Heroinbuben von der Strasse; auch über den Helvetiaplatz kann man jetzt wieder gehen. Kalt ist es, alles schlägt den Kragen hoch; ich dachte (bitte um Erinnerung) Scheiss-Albaner (im Bus) - und weiss nicht genau, warum: Zwar gibt es Anhaltspunkte: Im Drogenviertel gibt es zu viele Drogenhändler, und man hat, generell, etwas gegen Drogenhändler, und weil sie im Viertel schier samt und sonders Libanesen und Kosovo-Albaner sind, hat man am Ende, generell, etwas gegen libanesische und kosovo-albanische Drogenhändler, und man muss schon sehr gefeit sein gegen den inneren Xenophob, um die in ihrer Eigenschaft als Drogenhändler unangenehmen Libanesen und Kosovo-Albaner nicht eines Tages für DEN Libanesen, DEN Kosovo-Albaner schlechthin zu halten. Ist das die Erklärung für meinen Bus-Gedanken? Ich muss sagen, ich weiss es nicht. Natürlich sind die besagten Ausländer für das Quartier eine Plage, indem sie es in Reviere aufteilen wie Usurpatoren; Ausländer, die sich allezeit nach dem Streifenwagen umsehen, in Hinterhöfen mit Rivalen abrechnen, sich an den Ecken postieren und in allen PassantInnen potenzielle DrogenkundInnen sehen, bereichern das Quartierleben allenfalls um eine kriminelle Komponente. Das sind keine guten Leute, und sie wollen sich hier nicht niederlassen, sie ziehen überall hin, wo das Drogengeschäft gerade floriert. Natürlich sind sie eine Gefahr, indem sie, je länger sie hier sind, um so verzweigtere kriminelle Strukturen aufbauen, Drogenhandel, Frauenhandel, Waffenhandel; ich verstehe meine wachsende Aversion gegen sie durchaus.

Eisigere Zeiten, Reichskriegsflaggen, kahle Schädel, Lenin im Rollstuhl nach dem Schlaganfall (sein totes Glotzen im «Spiegel»), der innere Xenophob (linkes Inneres), der sich an den Pulverhändlern nur aufrichtet, vielleicht, weil er Morgenluft wittert; ich weiss nicht.

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