Nr. 24/2006 vom 15.06.2006

Die WOZ für Sie!

Von Franziska Moor

Für wen soll diese Nummer vom 14. Juni jetzt sein, für Sie, Höflichkeitsform, oder für Sie, die Frau?

Die Erfahrungen beim Zeitungsmachen sprechen eher gegen die Höflichkeitsform. Ideen- und arbeitsmässig ist diese WOZ - sagen wir vorsichtig - mehrheitlich von den Frauen getragen worden. Die Männer wehrten sich nicht direkt, sie witzelten gern, zeigten da und dort Ansätze zu trotzigem Dienst nach Vorschrift wie auch zu bereitwilliger Mitarbeit; generell viel Nonchalance, doch im Augenwinkel hängt die bängliche Erstklässlerfrage, ob sie auch wirklich brave Schüler seien. Selber schuld!

Schuld, Sühne, Gut, Böse - warum nur wird die Geschlechterfrage samt Frauenstreik von den (linken) Männern so oft als vorab moralische begriffen, als Angelegenheit des persönlichen (männlichen) Wohlverhaltens, das jetzt am 14. Juni von den Frauen im allgemeinen und von einigen Frauen in ihrer Umgebung im speziellen examiniert und benotet wird?

Mag sein, dass wir Frauen zuweilen unsere lieben Mitmänner konkret anschnauzen, wenn wir sie als Teil des leider etwas gar abstrakten Patriarchats meinen. Doch wieso begreifen die Männer den Unterschied zwischen kleinlichem Liebesentzug und grosser Politik so schlecht? Wenn wir Frauen die Aufhebung der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung - also ein grösseres und süsseres Stück vom Kuchen - wollen, dann trifft das die einzelnen Männer, auch die linken und grünen und pazifistischen und soften, anders als die Abschaffung des Militärs oder die Stilllegung der AKWs, unangenehmer halt. Schweiz ohne Armee? Wunderbar! Schweiz ohne (wohlfeile) Frauendienste? Nicht auszudenken!

Dieser Mangel an politischem Drive bei der Geschlechterfrage ist nicht allein auf die persönliche Verstricktheit der einzelnen mit dem Thema zurückzuführen, sondern wesentlich auch politisch-struktureller Art. Der GSoA-Angriff auf die herrschaftssichernde Institution Armee war klassisch-politisch: die (Soldaten-)Binggel unten gegen die (Offiziers-)Gecken oben; die Jungen, Rebellischen gegen die Alten, Festgefahrenen; tendenziell auch die Frauen, die in der Friedensbewegung seit je sehr aktiv sind, gegen die Männer mit eigener oder überlieferter Erfahrung im Aktivdienst. Der Klassenkampfersatz für die achtziger Jahre; leicht vermittelbar, publizistisch wirksam, effektvolle politische Duelle zwischen Pro und Kontra, Christoph Blocher und Andi Gross, am Ende eine klare Antwort auf eine klare Frage, Ja oder Nein. Dagegen die Geschlechterfrage, der Frauenstreik. Keine einfache, zündende, neue Forderung, sondern das Einfordern dessen, was vor zwanzig Jahren (politisches Stimm- und Wahlrecht), vor zehn Jahren (Gleichberechtigung), vor sechs Jahren (neues Eherecht) auf dem Papier beschlossen worden ist und immer wieder (für die nächste oder übernächste AHV-Revision etwa) beschlossen wird: die Abschaffung der Frauendiskriminierung; sozusagen die Einhaltung eines riesigen Gesamtgesellschaftsvertrages. Zwanzig Jahre lang das Mühsam-Schleppende dieses Prozesses beklagen ist publizistisch und politisch langweilig; Duelle gibts kaum (noch), männiglich ist für die Gleichstellung der Frau, im Prinzip. Wenns drauf ankommt, ist sie schon noch da, die Interessenfront, windet sich mitten durch die politischen Parteien und Gruppen, durch die Familien und Paare, durch die einzelnen Individuen (Männer vor allem, aber auch Frauen). Das ist gegen die Erfolgsregeln der klassischen Politik, die Frauen stellen sich der Auseinandersetzung nicht «wie ein Mann».

Doch wir sammeln uns immer wieder. Diesmal am Frauenstreik.

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