Nr. 24/2006 vom 15.06.2006

Ist die Compañera die Köchin?

Von Sonja Hug

Die patriarchale Struktur der Sprache wurde in der Frauenbewegung immer wieder diskutiert. Aufgrund dieser Diskussionen versuchen Frauen, die allgemeine Sprech- und Schreibweise zu verändern, damit sie endlich auch explizit gemeint sind. In mühsamer Kleinarbeit haben sie ihren Kollegen, Genossen, Mitstreitern, Freunden klar gemacht, dass sie sich nicht angesprochen fühlen, wenn ausschliesslich von Männern die Rede ist. Von «Aber ich meine immer beide Geschlechter» bis zu «Das ist sprachlich unschön und viel zu kompliziert» müssen sie sich alle möglichen Ausflüchte anhören. Immerhin, einige Männer bemühen sich mittlerweile, eine Sprache zu sprechen und zu schreiben, die immer auch die weibliche Form braucht oder eine geschlechtsneutrale Umschreibung sucht. (Wir wissen, wie schnell Männer, aber auch Frauen wieder nur in die männliche Form zurückfallen.) Sie wissen, auf was zu achten ist, um nicht als linker Sexist enttarnt zu werden.

Grund zur Zufriedenheit? Sicher, es ist den Frauen gelungen, so viel Druck auf Männer in ihrem Umkreis auszuüben, dass diese sich bemühen, einige wenige neue Sprachregeln einzuhalten. Trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl, der Verdacht, dass sich doch nicht allzu viel verändert hat in den Köpfen. Die Theorie, dass sich über die Sprache das Bewusstsein verändert, scheint sich nur bedingt zu bestätigen. Männer reden und schreiben zwar, grammatikalisch gesehen, auch von Frauen, aber meinen sie auch Frauen? Sehen sie vor ihrem geistigen Auge Frauen in verschiedenen Lebenssituationen, oder geht es nicht häufig um weibliche Männer, um körperlose, nicht existente «-Innen»? Mit einer formalen Sprachkorrektur werden nur Frauen sichtbar, die in jenen Strukturen leben, arbeiten, kämpfen, die Männer als wichtig erachten, die sie überhaupt sehen können. Die Ehefrauen von Bergarbeitern sind nun mal nicht gemeint, wenn von BergarbeiterInnen gesprochen wird.

Eine wirklich andere Sprache verlangt von denen, die sie brauchen wollen, einiges mehr, als Wörtern einige Buchstaben mehr anzufügen und weibliche Personalpronomen über den Text zu verteilen. Sie fordert von den Männern das Eingeständnis, nur die Hälfte der Wahrheit zu kennen, das Bewusstsein, dass sie die Welt aus dem Blickwinkel der Mächtigen sehen und beschreiben. Doch auch die Vorstellungen der Frauen sind zu überprüfen. In dem Masse, wie sie die Realität, die ihnen ihre Genossen als solche präsentieren, verinnerlicht haben und als die einzige ansehen, werden sie unfähig, ihr Leben und das anderer Frauen zu sehen, wie es ist, und aus dieser Erfahrung heraus ihren eigenen Blick auf die Welt zu entwickeln. Wenn da einer oder eine von «befreiten Zonen» spricht, von einem «Befreiungskampf», woran denken wir zuerst? An Frauen, die kochen, pflanzen, Kinder gebären, in einer Dorfgemeinschaft leben, oder an Compañeras und Compañeros, die strategisch-militärisch ein Gebiet verteidigen?

Unsere Köpfe sind voll von Lebensrealitäten - gesehen und beschrieben von Männern. Männer reden und schreiben nach wie vor, als wüssten sie alleine, wie die Welt ist, und Frauen glauben es ihnen. Dadurch, dass Männer Frauen jetzt sprachlich einbeziehen, wird ihr Reden und Schreiben scheinbar noch glaubwürdiger. Diese Glaubwürdigkeit gilt es zu untergraben. Misstrauen ist angebracht, wenn Männer auch für Frauen sprechen. Ich möchte mehr Veranstaltungen besuchen, mehr Berichte lesen und Sendungen hören können, wo die Welt der Männer und die der Frauen gleichberechtigt nebeneinander stehen, wo Frauen kein «Spezialgebiet» sind, sondern die Hälfte der Bevölkerung. Endlich weg von diesen bemühenden Exkursen «... jetzt berichtet euch X. noch über die spezielle Situation der Frauen.»

Auch Frauen sollten kritischer mit Sprache umgehen. Wir müssen uns genau überlegen, ob ein Begriff den Lebensrealitäten von Frauen angemessen ist. So ist das Wort Frauenstreik zwar eine Provokation für Arbeitgeber und Kollegen, aber ist es der Arbeitssituation von Frauen wirklich angemessen? Frauen arbeiten häufig in Sektoren, wo nicht «produziert» wird, sondern betreut, gepflegt, ernährt. Wenn sie streiken, trifft es dann wirklich die, die bestreikt werden sollen: die Arbeitgeber, die Chefs, den Staat, die Männer? Trifft es nicht eher dem System Ausgelieferte wie Alte, Kinder, Behinderte? Wie weit sind Hausfrauen in der Lage, wirklich die Arbeit ganz niederzulegen, und wer kümmert sich nach Abschluss des Streiks um die anfallende Wäsche? An vielen Orten, wo vor allem Frauen arbeiten, wird nicht im klassischen Sinne gestreikt, sondern es werden andere Protestformen gewählt. Das spricht nicht gegen diese Aktionen und auch nicht gegen die Idee, die hinter dem Frauenstreik steht, sondern gegen die Sprache, die in den Aufrufen verwendet wird. Durch die Verwendung des Begriffs Streik werden Assoziationen geweckt zum klassischen Kampfmittel der Arbeiterbewegung. Es wird so indirekt der Frauenwiderstand an jenem von Lohnarbeitern gemessen. Ein unglücklicher Vergleich, beinhaltet doch die Verweigerung der Frauenarbeit viel mehr als das Stoppen der Produktion. Um Frauenwiderstand zu initiieren, sichtbar zu machen, zu kultivieren, brauchen wir andere Begriffe, und es lohnt sich sicher, sie zu suchen, in gegenseitiger Diskussion und mit dem Bewusstsein der eigenen Geschichte.

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