Nr. 28/2006 vom 13.07.2006

Am Ende der Schönrednerei

Am kommenden Mittwoch wollen die Verantwortlichen der Expo.01 wieder einmal ein bisschen informieren. Nicht zuletzt wegen dieser Informationspolitik hat Biel, der grösste Standort der Landesausstellung, zunehmend Mühe mit dem Projekt.

Von Johannes Wartenweiler

Expo Punkt null eins». Thomas Suri, der Expo-Beauftragte der Stadt Biel, «kommuniziert» die neue Bezeichnung für die Landesausstellung, die im Jahr 2001 an den Gestaden der Juraseen stattfinden wird. Expo Punkt null eins - das tönt besser als Expo 2001, das tönt nach Aufbruch, nach Neubeginn, nach Avantgarde: So wollen die Expo-MacherInnen der Bevölkerung das Milliardenprojekt schmackhaft machen. Suri weiss, was notwendig ist: «Wir müssen uns in den Hintern klemmen und eine positive Stimmung schaffen. Das braucht die Schweiz.»

Wenn Suri so spricht, erinnert er an den lokalen Mentor der Punkt null eins, den Bieler Stadtpräsidenten Hans Stöckli (SP) - von der «Berner Zeitung» auch schon als «unermüdlicher Expo-Schönredner» bezeichnet. Stöckli setzt auf die Landesausstellung in der Hoffnung, der seit vielen Jahren unter einem Abbau von Arbeitsplätzen und einem damit verbundenen Rückgang der Bevölkerung leidenden «Zukunftsstadt» einen Kick in eine bessere Zukunft geben zu können. Zügig nutzt er das geplante Nationalspektakel, um die Innenstadt attraktiv zu machen und optimale Bedingungen für private Investoren zu schaffen.

In Planung ist etwa eine verbindende Zone zwischen Bahnhof und Altstadt, die, durch Pflästerungen und einheitliches Lichtkonzept akzentuiert, als Einkaufs- und Flaniermeile aufgewertet werden soll. Für das Gebiet hinter dem Bahnhof gilt ein Masterplan, für das Areal der ehemaligen Drahtwerke wurden die Grundlagen für eine gemischte Überbauung verabschiedet. Jüngst hat die Stimmbevölkerung auch einen Richtplan angenommen, der den Bau eines Hotelhochhauses direkt am See erlaubt. Punkt null eins soll Biel endlich näher an den See bringen.

Die Stadt tut, was sie kann. Aber das Privatkapital zögert, in die Stadt am Jurafuss zu investieren. Zwar entsteht an der Bahnhofstrasse - Biels bester Geschäftslage - an der Stelle des ehemaligen «Bielerhofs» inzwischen eine Büroüberbauung, aber einige Schritte weiter kann sich der Zürcher Gastronom Rudi Bindella immer noch nicht entschliessen, das baufällige Gebäude des ehemaligen Hotels Touring zu sanieren. Expo- Optimist Suri lässt sich aber nicht beirren: «Es hat in den letzten Jahren nie so viele Baukrane gegeben wie heute.»

Fassadenpflege für 350 Franken

Nicht nur an der Substanz wird gearbeitet. Auch die Fassade soll stimmen, wenn im Jahr Punkt null eins pro Tag bis zu 70 000 BesucherInnen nach Biel reisen. Unter dem sinnigen Titel «SprayEx.01» haben fünf führende Immobiliengesellschaften einen Verein gegründet, der HausbesitzerInnen für 350 Franken die «farbähnliche» Übermalung von Graffiti an ihren Fassaden anbietet. Dieser Service umfasst die zweimalige Übermalung von zehn Quadratmetern Fassade pro Jahr sowie die Abgabe von fünf Kilogramm Reservefarbe.

Illegale Sprayaktionen sind, wie man sich erinnert, ein heisses Eisen in Biel. Zur Osterzeit machte sich der Bieler Gemeinderat Jürg Scherrer (FP) mit seiner Idee, jugendliche Sprayer bei Wasser und Brot drei Tage einzuschliessen, nicht nur in den einschlägigen Kreisen unbeliebt, er löste damit eine gross angelegte Spraykampagne aus in der ganzen Stadt - die auch eine Zelle des Polizeigefängnisses nicht verschonte (siehe WoZ Nr. 17/98).

Zu denjenigen, die sich von einer sauberen Stadt und der Expo einiges erhoffen, gehören die lokalen Gewerbetreibenden. Urs Grob, der Präsident des Gewerbeverbandes, legt Wert auf folgende Aussage: «Die Stimmung ist weiterhin positiv. Die Tatsache allein, dass die Expo stattfindet, hat einiges bewirkt. Man denkt positiv und zukunftsgerichtet.» Für das Gewerbe bedeute dies die berechtigte Hoffnung auf zusätzliche Aufträge. Wie viel darf es sein? Grob: «Im besten Fall möglichst viel.»

Mit seinem Optimismus brachte Stöckli 1996 in der Volksabstimmung den Expo- Kredit von acht Millionen Franken durch. Nachdenklich stimmte schon damals allerdings der - trotz fast einhelliger Zustimmung im Parlament - hohe Nein-Stimmen-Anteil von über vierzig Prozent. Stadträtin Barbara Schwickert vom Grünen Bündnis glaubt, dass diese Skepsis inzwischen noch gewachsen ist: «Der Kredit käme heute vermutlich nicht mehr durch.» Drei Jahre vor Punkt null eins hat ein Malaise den Expo-Standort Biel erfasst. Dies, obwohl es erst kürzlich gelang, die bislang wichtigsten Opponenten der Expo, die Umweltorganisationen, einzubinden und sie dadurch zum Rückzug ihrer Einsprachen gegen die kantonale Überbauungsordnung zu bewegen.

Internet statt Information

Hauptursache für das Unbehagen in Biel ist die Informationspolitik der Expo-Leitung. Koordinator Suri, besser informiert als alle anderen, kann dem hermetischen Konzept nichts abgewinnen: «Wir wünschen uns einen grösseren Informationsfluss von Seiten der Expo-Verantwortlichen.» Der Schriftsteller Urs Karpf kritisiert die Geheimniskrämerei: «Man muss doch die Leute auf einen derartigen Anlass neugierig machen.» Und auch der Gewerbler Grob bemängelt: «Die Informationen fliessen nicht wie gewünscht.» Es kommt dazu, dass die Expo-Verantwortlichen auf die technologische Innovation setzen und also auf das Internet. Doch dieser forsche Umgang mit dem Fortschritt geht an Bieler Informationsbedürfnissen und -gewohnheiten vorbei. Gewerbepräsident Grob: «Frau Fendt will über das Internet kommunizieren. Dabei haben die meisten Handwerker gar keinen Internet-Anschluss.»

Wo die Information zum Herrschaftswissen und deshalb zur Mangelware wird, schiesst der Unmut ins Kraut. In Biel häufen sich die kritischen Eingaben im Parlament. Überraschende Koalitionen entstehen, um Unmut auszudrücken, wo Mitwirkung nicht möglich ist.

Das aktuelle Beispiel ist eine Abstimmung über die Iris-Schnellboote: Im Stadtrat setzte sich eine wilde Mischung aus Grünen, Rechtsbürgerlichen, Freisinnigen und SozialdemokratInnen gegen die Stadtregierung durch und verlangte von dieser eine negative Stellungnahme in den laufenden Konzessionsverhandlungen. Eingebracht wurde das Postulat von GB-Stadträtin Schwickert, die dieses Ergebnis als Zeichen einer wachsenden Verunsicherung deutet. Jetzt ist der Gemeinderat in seiner Stellungnahme zuhanden der Konzessionsbehörde gezwungen, die ablehnende Position des Parlamentes festzuhalten. Das hat aber keinen unmittelbaren Einfluss auf die Beschaffung der umstrittenen Schnellboote. Suri nimmt den Entscheid auch nicht besonders ernst: «Die Iris-Schnellboote sind ein zentraler Bestandteil des Arteplage-Konzeptes und unvermeidlich, wenn verhindert werden soll, dass der Verkehr durch die Stadt fliesst.»

Drohende Verkehrslawine

Punkt null eins bedeutet für die gesamte Region eine massive Verkehrszunahme. Biel, das etwa vierzig Prozent der gesamten Expo beherbergen soll, wird davon natürlich auch besonders betroffen. Mit den Iris-Schnellbooten lancierten die Expo-Verantwortlichen ein Verkehrsmittel, das die Verbindung zwischen den Ausstellungsorten Neuenburg, Yverdon, Murten und Biel auf dem Wasser ermöglichen und den Verkehr zu Lande entlasten sollte. Die Schnellboote sind deshalb von zentraler Bedeutung im Verkehrskonzept der Expo. Der oberste Expomacher, der Neuenburger Staatsrat François Matthey, erklärte bündig: «Ohne Iris keine Expo.»

Die Schnellboote stehen aber auch für eine bestimmte Vorstellung von Fortschritt: in schnittige Designerhüllen gesteckte Hightech-Maschinen. Der Erlebniswert allerdings ist umstritten. Schwickert kritisiert etwa das Fehlen eines Aussendecks: «Es ist doch kein Erlebnis, sich in einer Konserve über die Seen transportieren zu lassen.» Im Übrigen gebe es viele Gründe gegen die Boote: Laut einer VCS-Studie seien sie teuer, umweltbelastend und nicht viel schneller als die Kursschiffe. Es komme dazu, dass sie sich in den Verbindungskanälen der Seen nicht kreuzen könnten und dass am Zihl-Kanal für 1,2 Millionen Franken eine Brücke angehoben werden müsse.

Zu Lande gerät ein zentrales Element des Verkehrskonzeptes unter Druck: Weil bei der Ausfahrt der Autobahn A5 bei Bözingen der grösste Teil des privaten BesucherInnen-Verkehrs aus der Deutschschweiz zu erwarten ist, wird dort ein riesiger Parkplatz erstellt. Ursprünglich war von diesem Parkplatz eine Shuttle-Bahn-Verbindung zum Hauptbahnhof vorgesehen. Dieses Konzept war auch Bestandteil der Volksabstimmung von 1996. Die Expo-Verantwortlichen möchten nun aus Kostengründen auf die Bahnverbindung verzichten und die BesucherInnen stattdessen mit Bussen durch die Innenstadt transportieren. Die Stadt Biel besteht auf der ursprünglichen Lösung. Suri: «Die notwendigen Massnahmen, um die Busse durch die Stadt zu bringen, kämen teurer als die Einrichtung eines Shuttles.»

Doch Biel hat schlechte Karten. Im Sachplan Expo.01 halten die zuständigen Bundesbehörden fest, dass ein Bahn-Shuttle aufgrund der hohen Investitionskosten ausser Betracht bleibe. Das deshalb in Biel zu erwartende Verkehrschaos hat unlängst den für Verkehr zuständigen Polizeikommissär im Gratisanzeiger «Biel/Bienne» zur Aussage veranlasst, er gedenke die sechs Monate während der Expo in seinem Ferienhaus in Adelboden zu verbringen.

Statistin bei der Staatsaktion?

Dies widerspiegelt eine weitverbreitete Stimmung in der Bevölkerung. Viele empfinden bereits heute die Expo einfach als eine unangenehme Begleiterscheinung: Liebe Gewohnheiten wie Baden im See müssen während eines Sommers eingeschränkt oder aufgegeben werden. Bereits macht der Vergleich mit der Braderie die Runde (die Braderie ist ein mehrtägiges Sommerfest mit bis zu 100 000 BesucherInnen). Gedanken macht man sich in Biel allerdings nur auf Anfrage. Urs Karpf: «Man könnte vielleicht als Störfaktor dieser industriellen Leistungsschau auftreten - aber das ist mit einem Zeitaufwand verbunden und in Biel überhaupt nicht gern gesehen.» Den Schriftsteller Alexander Gfeller interessiert die Expo überhaupt nicht - «und die Schweiz auch nicht». Kollege Karpf, der sich als Chronist der Bieler Uhrenindustrie einen Namen gemacht hat, mag sich wenigstens noch einige zusätzliche Gedanken machen: «Die Landi von 1939 wandte sich immerhin gegen eine äussere Bedrohung. Heute gibt es keine äussere Bedrohung mehr - heute gibt es nur noch innere Zerrissenheit.»

Auch für junge Kulturschaffende, die sich nicht in den etablierten Kreisen bewegen, ist die Expo weder Herausforderung noch Chance. Es gebe kein Projekt, das den Sprayern, Rappern und Dancern Gelegenheit zum Auftritt geben könnte, ist zu erfahren. Für sie gelten die gleichen Bedingungen wie für das lokale Gewerbe - Wettbewerb.

Die Bieler Wirtschaft betrachtet die Expo Punkt null eins als Chance. Kulturschaffende wissen vorderhand wenig mit ihr anzufangen. Informationen sind für alle Mangelware. Im Augenblick sieht es so aus, als wäre Biel weniger Gastgeberin als Statistin einer grossen Staatsaktion - mit für die Stadt unberechenbaren und zufälligen Auswirkungen.

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