Nr. 13/2006 vom 30.03.2006

Pomar existiert nicht

Am 2. Februar hat Erich Hackl in Zürich die WoZ-Veranstaltung «500 Jahre neue Weltordnung» mit Eduardo Galeano und Jesús Díaz moderiert, an der Díaz ein niederschmetterndes Bild der kubanischen Revolution zeichnete. Tags darauf flog Hackl nach Havanna, um an der dort stattfindenden Buchmesse sein eben übersetztes Buch «Auroras Anlass» («Los motivos de Aurora») zu präsentieren. Er dankte seinem Übersetzer Jorge Pomar. Das hätte er aber nicht tun sollen.

Interview: Andreas Simmen

WoZ: Nach deiner Kubareise lesen wir jetzt in der «Zeit» dein niederschmetterndes Fazit: «Einiges spricht dafür, dass Pomars Haft vorzeitig endet, dass Kuba in fünfzehn Monaten nicht mehr wiederzuerkennen sein wird … Ich fürchte und ich hoffe es.» Was ist geschehen?

Erich Hackl: Gleich am Flughafen wurde ich mit der Nachricht überfallen, dass Jorge Pomar, der Übersetzer meines Buches, im Gefängnis sitzt. Die Verlagsdirektorin Elizabeth Díaz, die mir das mitteilte, beschwor mich, bei der Buchpräsentation Pomars Namen nicht zu nennen; der Mann existiere praktisch nicht mehr. Ich wusste nicht, wer noch zu Pomar steht, wer gegen ihn ist, und ich wusste am Anfang auch nur über die Verlagsdirektorin, worin sein Vergehen bestand. Danach hatte Pomar die Deklaration kubanischer Intellektueller mitunterzeichnet, die, ebenso wie später die Gruppe Criterio Alternativo, im Wesentlichen das hatte verhindern wollen, was in Kuba passiert ist und weiter geschieht, dass nämlich die kubanische Führung den zunehmenden äusseren Druck nach innen weitergibt. Erstunterzeichnerin der Deklaration war María Elena Cruz Varela, eine Lyrikerin. Das war noch im Mai 1991. Darauf passierte zunächst nichts, bis es Cruz Varela im November 1991 gelang, mit einem hochrangigen spanischen Politiker zu sprechen. Ein Treffen zwischen ausländischen PolitikerInnen und kubanischen Oppositionellen ist aber in Kuba nur mit Duldung des Sicherheitsapparates möglich. Diese Duldung gab es in diesem Fall nicht, das heisst, jemand aus dem Sicherheitsapparat muss trotzdem mitgespielt haben, und das erklärt wohl die Wut und die Heftigkeit der Reaktion: Am nächsten Tag wurden drei Mitglieder der Oppositionsgruppe Criterio Alternativo in der Wohnung von Cruz Varela überfallen, und zwar durch eine dieser paramilitärischen Gruppen, die jetzt in Kuba agieren, die so genannten Brigadas de respuesta rápida, die offiziell als der «gesunde Volkszorn» ausgegeben werden. Pomar und Cruz Varela wurden schwer misshandelt und dann abgeurteilt. Sie sitzen unter unmenschlichen Bedingungen in Gefängnissen ausserhalb Havannas. Nach allem, was man hört, muss von einer bewussten Taktik gesprochen werden, diese Leute zu brechen.

In deinem Artikel schilderst du die Gefängnissituation fast so, wie wir sie aus Artikeln kennen, die etwa unter dem Titel «Tropischer Gulag» und so weiter laufen. Woher kommen diese Informationen, und wie schätzt du sie ein?

Selber konnte ich die Gefängnisse natürlich nicht besuchen. Aber ich stütze mich auf Aussagen von Leuten, die für mich vertrauenswürdig sind. Pomar war zuerst in einer Einzelzelle zwischen zwei andern Häftlingen, die wahnsinnig geworden waren, jetzt ist er mit sieben andern zusammen. Er darf nicht lesen und nicht schreiben. Besuchen dürfen ihn nur seine Frau und seine Kinder, einmal im Monat, und zwar an einem bestimmten Tag - bei den heutigen Transportverhältnissen kommt das fast einem Besuchsverbot gleich.

Wie waren die Reaktionen der Kulturfunktionäre auf deine Recherchen nach dem Fall Pomar?

Das war von Anfang an ziemlich entmutigend. Für die meisten von ihnen war Pomar einfach der Verräter. Zum grossen Teil waren das Leute, die als seine Freunde galten. Für die ist er jetzt ein Niemand. Nachdem ich dann ihrer Forderung nicht nachgekommen war und Pomar für seine Arbeit öffentlich gedankt hatte, klappte eigenartigerweise plötzlich nichts mehr in der Organisation. Sie nannten es «Koordinationsfehler», und die wirkten sich so aus, dass es ihnen partout nicht mehr gelingen wollte, meine Teilnahme an irgendeinem der offiziellen Anlässe zu organisieren. Über Pomar wollten die meisten überhaupt nicht reden. Prominenteste Ausnahme war der UNEAC-Präsident Abel Prieto, der mich zynisch aufforderte, Pomar nach Österreich ins Exil mitzunehmen. Das ist aber genau das, was niemand von seiner Gruppe will. Das hatten sie von Anfang an diskutiert, und sie kamen überein, dass sie auf keinen Fall ins Exil gehen wollten.

Eine ähnliche Haltung also, wie sie auch Jesús Díaz einnimmt.

Die Zürcher WoZ-Veranstaltung war übrigens zwei Tage später in Havanna bereits Gesprächsthema. Ein Freund hat ein Gespräch mitgekriegt, in dem der eine sagte, in Zürich habe Galeano den Díaz ganz schön «in die Schranken gewiesen», worauf ein anderer präzisierte, beide hätten einander in ihre Schranken verwiesen. Die Stellungnahme von Jesús Díaz hat unter den kubanischen Intellektuellen wie eine Bombe eingeschlagen. Díaz ist unter den Schriftstellern einer der angesehensten, vor allem auch wegen seiner integren Haltung. Alles, was er sagt, hat doppeltes Gewicht. Und was er in Zürich gesagt hat, war für viele in Havanna niederschmetternd. Ich glaube, sein Referattext hat mittlerweile überall die Runde gemacht. So funktionierte das ja auch mit der Deklaration der Intellektuellen, die nie veröffentlicht worden ist, über die aber alle Bescheid wissen. Nicht zuletzt aus den offiziellen Reaktionen, in denen die UnterzeichnerInnen als Feinde der Revolution abgestempelt wurden. Dies, obschon eine grössere Vorsicht, als sie in diesem Text zum Ausdruck kommt, wohl kaum noch denkbar ist.

Es gab ja früher schon Perioden, in denen die Intellektuellen in Kuba in ähnliche Problemlagen hineingerieten, Anfang der sechziger, dann Anfang der siebziger Jahre. Glaubst du, dass dies jetzt eine ganz andere Dimension der «Beziehungskrise» zwischen Staat und Intellektuellen darstellt?

Ich finde, jetzt ist es etwas anderes. Die Repression trifft ja nicht in erster Linie die Intellektuellen. Diese wehren sich nur als Erste, und das macht sie heute auch populär. Bei der Berufungsverhandlung gegen Pomar, Cruz Varela und Velázquez sollen sich an die tausend Leute vor dem Gericht zusammengefunden haben. Das ist eine Situation, die in der kubanischen Geschichte seit 1959 keinen Vergleich hat. Auf der andern Seite die Kader: Ich bekam den Eindruck, dass viele der mittleren Kader bereits auf ihr Überleben nach einem politischen Wandel in Kuba hinarbeiten, während die linken Oppositionellen, zu denen Pomar gehört, auch dann wieder die Verlierer sein werden. Diesen Eindruck gewann ich aufgrund der Vorsicht, mit der sich diese Kader äusserten, und vor allem aufgrund ihrer Unlust, sich überhaupt mit politischen Dingen noch abzugeben.

Sie zeigten sich zum Beispiel überhaupt nicht interessiert, etwas über die Umwälzungen in Osteuropa zu erfahren oder auch über die Haltungen in Westeuropa gegenüber Kuba; sie wollten nichts wissen. Da ist auch ein Unwillen, überhaupt noch irgendetwas zu unternehmen. Es gab zum Beispiel einen konkreten Vorschlag der westeuropäischen Solidaritätsbewegung. Um die Folgen der Papierknappheit etwas zu lindern, wollten sie für einzelne Buchprojekte das Papier finanzieren, denn die kulturelle Isolation ist ja genau so schlimm wie die ökonomische. Der Direktor des kubanischen Buchinstituts hat diesem Vorschlag zunächst auch zugestimmt, rührte dann aber keinen Finger für die Realisierung des Projekts. Man hat das Gefühl, sie wollen alles vermeiden, was ihnen die Finger verbrennen könnte.

Du zeichnest hier eine «Apokalypse der Revolution». Wohin kann das nach deiner Einschätzung noch führen?

Wie es Jesús Díaz in Zürich gesagt hat: zu einern Blutbad. Für mich stellt sich nicht mehr die Frage, ob die kubanische Revolution überleben kann oder nicht. Die Frage ist, ob es zu einem blutigen oder zu einem unblutigen Ende kommt. Diese Frage ist jetzt wichtiger, selbst wenn man daran festhalten möchte, dass die Revolution überlebt - und wer von uns möchte das nicht.

Der Liedermacher Silvio Rodríguez hat im WoZ-Interview (Nr. 12/92) gesagt, er wolle «lieber sterben, als dass Kuba wieder zu einem Bordell der USA wird» - eine Umschreibung der Parole «Sozialismus oder Tod». Es gibt also diese Intellektuellen auch noch.

Um wirtschaftlich überleben zu können, ist Kuba dabei, erneut zu einem Bordell zu werden - nicht der USA, sondern der lateinamerikanischen und westeuropäischen Mittelstandstouristen. Angesichts dieser Entwicklung wirkt Rodríguez’ Willensäusserung lächerlich - leider! Eins ist mir in Kuba wieder aufgefallen: dass die Schriftsteller aus anderen Ländern Lateinamerikas, die an der Buchmesse waren, einfach nichts sehen wollen. In diesem Zusammenhang habe ich auch an Galeano denken müssen, der sich an der Veranstaltung in Zürich vom Überleben der kubanischen Revolution überzeugt zeigte. In Kuba heisst es, die beiden einzigen Schriftsteller aus Lateinamerika, die von der politischen Führung überhaupt noch wahrgenommen würden, seien García Márquez und Galeano. Während García Márquez durchaus kritische Anmerkungen gemacht hat und macht, ist das bei Galeano bisher ausgeblieben. Das wird ihm von denen, die unter der jetzigen Situation leiden, sehr übel genommen.

Bei uns läuft ja die Solidaritätskampagne mit Kuba, die Antiblockadekampagne. Kannst du noch hinter dieser Kampagne stehen?

Prinzipiell hat Jesús Díaz Recht, wenn er sagt, man müsse sich an zwei Fronten herumschlagen, einerseits verlangen, dass die Wirtschaftsblockade fällt, und anderseits, dass die Repression in Kuba abnimmt. In diesem Sinne ist auch gegen die Forderung, dass die Blockade fällt, sicher nichts einzuwenden, die muss man einfach unterstützen, denn da geht es ja nicht um das Überleben eines Regimes, sondern des Volkes, und die Blockade tötet das Volk, nicht die Führung.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch