Nr. 04/2006 vom 26.01.2006

DER Libanese und die Neger

Von Johannes Wartenweiler

Nicht jeder Text, den die WOZ in den vergangenen 25 Jahren veröffentlicht hat, gelang. Aber selten war einer so deplatziert wie jener unter dem Titel «Der Fremdenfeind innen links» im Januar 1993. Worum ging es? Anfang der neunziger Jahre konzentrierte sich in Zürich der Handel mit harten Drogen auf die Langstrasse. Zahlreiche Dealer suchten nach Kundschaft, es herrschte Hektik und auch eine gewisse Aggressivität.

Vor diesem Hintergrund drang Linus Reichlin in sich und entdeckte dort den inneren rassistischen Schweinehund. Er führt ihn mit einer Mischung aus Scham und versteckter Freude über seinen Tabubruch vor. Im Kreis 5 werde unter Linken offen, aber nicht öffentlich über AusländerInnen geredet - mit zunehmender Härte, heisst es im Lead: «Einer (...) beschreibt, wie die Feindlichkeit bei ihm (‹innen links›) entstanden ist.»

Reichlin beginnt seine Reise ins Herz der Finsternis mit einer Selbstbeobachtung. Innerlich habe er einen Passagier im Tram, den er wegen seiner Zeitung als Albaner identifizieren konnte, als Scheissausländer bezeichnet. Diese Regung leitet er dann her von seinen Erfahrungen an der Langstrasse, wo er ein Büro betreibt: Draussen stünden die Drogendealer mit dem «Gesicht des internationalen Galgenvogels» herum, ganze Gruppen «... in ziemlich penetranter, so genannt männlicher Schwänzigkeit dastehender und sich breit machender, sich gegenseitig hochturnender Mannmänner aus Libanon, zum Teufel.» Reichlin will kein Heroin von ihnen, sondern vom Bäcker einen Nussgipfel: «Gut Teig mit Süss drin.»

So geht das weiter, bis es dem Autor gelingt, den Zusammenhang zwischen dem «Scheissausländer» im Tram und den Drogendealern an der Langstrasse herzustellen: «Im Drogenviertel gibt es zu viele Drogenhändler, und man hat, generell, etwas gegen Drogenhändler, und weil sie im Viertel schier samt und sonders Libanesen und Kosovo-Albaner sind, hat man am Ende, generell, etwas gegen libanesische und kosovo-albanische Drogenhändler, und man muss schon sehr gefeit sein gegen den inneren Xenophob, um die in ihrer Eigenschaft als Drogenhändler unangenehmen Libanesen und Kosovo-Albaner nicht eines Tages für DEN Libanesen, DEN Kosovo-Albaner schlechthin zu halten.» Reichlin ist diese Trennung offensichtlich nicht gelungen.

Dass man anders über Rassismus schreiben kann, bewies ein Jahr zuvor WOZ-Redaktor Christoph Keller. Er montiert in seinem Text «Übungen im Zuhören und Weghören» Zitate, die er während eines halben Jahres aufgefangen hatte und die das Thema in unterschiedlichster Art umkreisen. Sein Ohr diene ihm dabei als Richtmikrofon für Gespräche, als Lauschtrichter für Wortfetzen, schrieb Keller. Banale Redewendungen wie «getürkt» oder «spanisches Dorf» stellt Keller ebenso in Zusammenhang mit dem rassistischen Diskurs wie eigene Erfahrungen. Etwa wenn er im Zug sitzt und hört, wie drei Abteile weiter Jugendliche Judenwitze erzählen. Keller beschreibt, wie er bei anderen Passagieren eine stumme Übereinstimmung der Missbilligung feststelle, aber sich trotzdem niemand stark genug fühle, um aufzustehen und einzuschreiten.

Keller notiert Irritierendes - etwa die Feststellung eines ausländischen Freundes: «Ich meide seit einiger Zeit die anderen Ausländer im Betrieb und arbeite nur noch mit den Schweizern zusammen ... Da weisst du wenigstens, woran du bist.» So ist es also auch möglich: beobachten, Fragen stellen, Widersprüche zeigen. Im Unterschied zu Reichlin verzichtete Keller darauf, einfach aus dem Bauch zu schreiben. Bei einem so schwierigen Thema wie Rassismus kommt das nämlich nie gut.

Bis zu unserem Jubiläum im Herbst werden wir an dieser Stelle eine kleine Auswahl der Highlights vorstellen, die in den letzten 24 Jahren in der jeweiligen Kalenderwoche in der WOZ erschienen sind. Diesmal: Kalenderwoche 4.

Den vollständigen Text von Keller (WOZ Nr. 4/92) finden Sie hier: www.woz.ch/artikel/inhalt/2006/nr04/In%20eigener%20Sache/12839.html und den von Reichlin (WOZ Nr. 4/93) hier www.woz.ch/artikel/inhalt/2006/nr04/In%20eigener%20Sache/12840.html

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch