Nr. 19/2006 vom 11.05.2006

Der erste deutschsprachige «Diplo»

Von Daniel Stern

Seit der Nummer 19/95 ist die WOZ einmal im Monat merklich dicker. Jeden zweiten Donnerstag des Monats liegt die deutsche Übersetzung des «Monde diplomatique» bei. Der WOZ gelang mit der Lancierung dieses Supplements ein viel beachteter verlegerischer Coup. «Die WOZ stösst in die Welt vor!», freute sich die Schriftstellerin Laure Wyss auf Seite zwei jener Ausgabe und schrieb weiter: «Einen grossen Dank auch dafür, dass Leserinnen und Leser nicht als idiotisch, sondern als anspruchsvoll eingestuft werden.» Unter den GratulantInnen fand sich auch der Fernsehmoderator Stephan Klapproth, der - wohl auch etwas selbstkritisch - schrieb: «Der Versuch, im endlosen Gemurmel der Nachrichten noch Zusammenhänge zu erkennen, die über den Tag hinausgehen, und Verantwortliche zu benennen, wird immer dringlicher. Denn die ‹schnellen Medien› lassen sich zunehmend verführen von der Faszination des live miterlebten Augenblicks.»

Die Idee der «Diplo»-Übersetzung stammt aus Italien, wo die Tageszeitung «il manifesto» schon vorher mit einer italienischen Version begonnen hatte. WOZ-Auslandredaktor Andreas Simmen brachte den Vorschlag ins WOZ-Kollektiv ein, wo man die Sache in Ruhe angehen und mit Bedacht auf eine sichere ökonomische Basis stellen wollte. Die deutsche «tageszeitung» («taz») war jedoch auch schon in den Startlöchern, eine Kooperation drängte sich auf: Nur wollte die «taz« schneller vorwärts machen und den Beginn der deutsch-französischen Kooperation symbolträchtig auf den 8. Mai 1995 legen, fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Deshalb kündigte die WOZ ihr neues Kind erst einen Monat vor Lancierung an. Man wolle ein medienpolitisches Zeichen setzen, schreiben die beiden WOZ-Redaktoren Urs Marti und Andreas Simmen am 7. April 1995: «Denn der ‹Monde diplomatique› steht - wie auch die WOZ - in vielerlei Hinsicht quer zu gegenwärtigen publizistischen Trends, zum journalistischen Schnell- und Kurzfutter, zu Personifizierung, Boulevardisierung, Konzentration auf so genannte Topereignisse.» In den folgenden Wochen suchte die WOZ TeilhaberInnen für ihre neu gegründete Gesellschaft WOZ International AG.

Im ersten ins Deutsche übersetzten «Diplo» findet sich ein Editorial des Direktors der Zeitung, Ignacio Ramonet. Er beschreibt darin einige Prinzipien des «Diplo»: «Zum Beispiel nie Interviews zu veröffentlichen, diese häufige Faulheit des modernen Journalismus, nicht hinter ‹grossen Namen› herzulaufen, die man in so vielen anderen Publikationen lesen kann; unsere Spalten so wenig wie möglich den Politikern zu öffnen (und vor allem nicht jenen, die die Macht ausüben und überall zu Wort kommen); nicht zu akzeptieren, dass ‹Aktualität› vom Fernsehen und den anderen grossen Medien definiert wird.»

In der anschliessenden Nummer wird mit vielen Bildern über das kleine Fest zur Lancierung berichtet, bei denen man heute rätseln darf, weshalb gewisse Leute nicht, andere dafür gleich zweimal zu sehen sind. Eine weitere Nummer später werden Auszüge aus einer Veranstaltung der WOZ und der damaligen JournalistInnengewerkschaft SJU (heute Sektor Presse der Comedia) dokumentiert. Im Artikel wird der «Le Monde diplomatique»-Redaktor Jacques Decornoy zitiert, der euphorisch sagte: «Vielleicht ist diese Begegnung wichtiger, als man es sich vorstellt, weil eine solche meines Wissens zum ersten Mal in Europa stattfindet. Es ist gleichsam der offizielle Geburtsakt eines neuartigen Netzes in Westeuropa, eines Netzes, das spontan geschaffen wurde und nicht von den Gesetzen des Geldes diktiert, des Marktes und der Werbung.» Inzwischen sind noch viele weitere Zeitungen zum «Diplo»-Netz dazugestossen. Die Zeitung erreicht heute eine Auflage von rund 2,5 Millionen Exemplaren und wird in 21 Sprachen herausgegeben.

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