Nr. 25/2006 vom 22.06.2006

Schnell, agil und aggressiv

Von Esther Banz

«In Norwegen, dem Land der Titelverteidiger, werden sämtliche Spiele der Heimmannschaft sowie das Eröffnungsspiel live übertragen. Fifa-Partner Adidas hat erstmals einen eigenen Ball und Pokal in Auftrag gegeben.» Die Rede ist von Fussball. Sie denken jetzt sicher: «Ahaa, Juniorenfussball! U15 oder so.» Die Autorin Lilian Räber, aus deren WOZ-Text vom 24. Juni 1999 obige Passage entlehnt ist, hätte eine unzimperliche Antwort auf diese Vermutung. So stand in der WOZ weiter: «Sie haben keine Ahnung, wieso Sie sich so was anschauen sollten (...)? Entschuldigen Sie. Darf ich Ihnen etwas sagen? Sie sind ein Arschloch!»

Mit Sicherheit war dies eines der wenigen Male, dass die WOZ ihren Ärger so unverschnörkelt und die eigenen LeserInnen einschliessend zum Ausdruck brachte. Wir wollen jetzt nicht wissen, ob Sie das damals störend oder erfrischend fanden. Vielmehr interessiert die Frage, was die Autorin überhaupt dazu veranlasst hat, sich so sehr aufzuregen.

Natürlich, es geht um Frauenfussball. Respektive die Nichtzurkenntnisnahme dieser Disziplin. Was Lilian Räber vor sieben Jahren anlässlich des Women’s World Cup in den USA schrieb, ist heute noch aktuell. Oder haben Sie gewusst, dass kurz nach Ende der Männer-Fussball-WM in Deutschland hier in der Schweiz eine Frauen-Fussball-Meisterschaft stattfinden wird? Gut, es ist nicht die Welt-, sondern die Europameisterschaft, und es sind auch nicht die Topligen, sondern die Juniorinnen der U19, die gegeneinander ankicken werden. Aber an der Tatsache, dass Frauenfussball noch immer als irrelevante Randsportart gilt, ändert diese Differenzierung nichts.

«1996 hat Fifa-Sepp Blatter verkündet: ‹Die Zukunft des Fussballs ist weiblich›. Das klingt, als hätten sie ein neues Dritte-Welt-Land entdeckt, das wirtschaftlich entwicklungsfähig ist. Und genauso ist es gemeint. Jetzt einsteigen - langfristig profitieren. Das Produkt Frauenfussball wird von der Fifa gezielt aufgebaut», stand in Räbers Artikel weiter. Wie wir seit der grossen Fifa-Geschichte in der vorletzten WOZ wissen, hatte Blatters Verein in den vergangenen Jahren aber noch ganz andere Prioritäten, weshalb im Rahmen der aktuellen Männer-WM auch nicht auffallend für den Frauenfussball geworben wird. Man setzte die Ressourcen und Gelder lieber zur Sicherung absurder Markenrechte ein.

Mehr zur Attraktivität und Wahrnehmung des Frauenfussballs beigetragen hat der Film «Bend it like Beckham» aus dem Jahre 2002, in dem eine junge Fussballerin indischer Herkunft englischen Jungs zeigt, wie man Tore schiesst. Eine andere britisch-indische Top-Fussballerin lebt heute in der Schweiz, aber nicht, weil der Frauenfussball über Transferbudgets verfügt, sondern weil das berufliche Können ihres Gatten in unserer Pharmaindustrie gefragt ist.

«Was eine Frau in der Schweiz mit Fussball erreichen kann, hat sie erreicht», schrieb Räber über die Schweizer Fussballerin Prisca Steinegger, die damals 22-jährig von der University of Georgia in den USA aufgenommen wurde. Ihr stand eine Ausbildung mit harten Trainings bevor. Der Stellenwert des Frauenfussballs sei dort (in den USA) sogar «oft grösser als jener des Männerfussballs», sagte Prisca Steinegger 1999 der WOZ.

Auch in Deutschland hat Frauenfussball eine andere Popularität erreicht als hierzulande. Harmonisch dazu präsentiert sich die aktuelle Weltrangliste: Deutschland Platz 1, USA Platz 2, dahinter Norwegen auf dem dritten Platz. Die Schweiz kommt erst viel später, auf Rang 28. Entsprechend ausführlich wird in den Schweizer Medien über die Ergebnisse des Nationalteams berichtet: Dass unsere Frauen im April das dritte von (bisher?) vier WM-Qualifikationsspielen verloren, war wenn überhaupt in dreizeiligen Kurzmeldungen zu lesen. «Die Nati-Spielerinnen müssen für ein Länderspiel Ferien eingeben, die wir selber bezahlen müssen», schilderte Prisca Steinegger 1999 gegenüber der WOZ die finanzielle Situation im Schweizer Frauenfussball. «Einen Lohn gibt es schon gar nicht», doppelte die heutige Captain der Schweizer Nationalmannschaft, die 2002/2003 zur Fussballerin des Jahres gewählt wurde, nach.

Immerhin, etwas Positives ist doch noch zu vermelden. Gibt man in der Schweizerischen Mediendatenbank das Stichwort «Frauenfussball» ein, kommen für das Jahr 1999 199 Treffer. 2005 waren es dann doch bereits 275. Und die Fifa bleibt dran. Die WOZ sowieso. Der Artikel von Lilian Räber erschien damals übrigens noch im Ressort Kultur. Heute hätten wir eine Sportseite dafür.

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