Nr. 31/2006 vom 03.08.2006

Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Von Urs Hafner

Jedes Jahr die gleiche Frage: Wie den 1. August begehen beziehungsweise verbringen? Mit einer feinen Wurst wenigstens, inmitten des Lichtgewitters und Raketengeheuls, daheim oder etwa gar nicht?

So eindringlich, wie sich die Frage vor fünfzehn Jahren stellte, so eindeutig fiel sie damals aus. 1991 feierte die offizielle Schweiz mit viel Aufwand ihren 700. Geburtstag - eine groteske Veranstaltung angesichts der Tatsache, dass der «Bundesbrief» von 1291 nicht mehr (aber auch nicht weniger) ist als ein Abkommen zwischen den politischen Eliten der Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden, das am Ende des 19. Jahrhunderts zur Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft emporstilisiert wurde.

1991 lautete die Antwort also: auf keinen Fall feiern. Die WOZ verlieh ihr sogar im Nachhinein Nachdruck: prominent auf der Titelseite der Ausgabe vom 2. August 1991 mit einem Leitartikel, der die ironische Überschrift «Mitbürgerinnen und Mitbürger!» trug. «Die Schweiz ist im Umbruch», hebt die Festrede an. «Zu Recht zweifeln immer mehr Bürgerinnen und Bürger, ob wir mit den vielen lieb gewordenen Erfolgsrezepten der Vergangenheit die Zukunft meistern können. Das Vertrauen in die staatlichen Institutionen zerfällt, weil man auch dem Staat nicht mehr zutraut, mit den drängenden Fragen unserer Zeit fertig zu werden. (...) Wir sehen für die Schweiz und in der Schweiz eine Zukunft, nicht obwohl, sondern weil sie in einer Krise steckt. Die Schweiz, ob sie will oder nicht, muss sich anpassen. Ohne dass wir uns im Fluidum der europäischen Geschichte mitbewegten, wären weder die Zivilisierung des Landes durch Rom, später durch die Klöster des abendländischen Mönchtums denkbar noch Reformation und Gegenreformation, weder die moderne Demokratie der Schweiz noch unser Liberalismus, weder die enge Verbindung unserer Landesteile mit dem französischen, deutschen, italienischen Geistesleben noch schliesslich die Prosperität des Landes (...). Wir sind stolz auf unsere Mehrsprachigkeit und auf unsere Fähigkeit, damit fruchtbar umzugehen; die Schweiz als Modell und Vorbild Europas - doch ist unsere Viersprachigkeit Realität? Welcher Deutschschweizer lernt noch Italienisch oder gar Rätoromanisch, und welcher Romane bemüht sich ums Deutsche? Höchste Zeit, dass alle Studierenden mindestens zwei, besser noch vier Semester in der Welschschweiz absolvieren (die Welschen umgekehrt bei uns).»

Von wem stammt die «aufgeschlossene», vor Phrasen strotzende und ziellos dahinplätschernde Ansprache, die hier nur zur Hälfte wiedergegeben ist? Die WOZ erlaubte sich den Spass, eine Textcollage als Leitartikel auf der Titelseite zu platzieren. Und pikanterweise setzt sich die «kollektive Rede» nicht nur aus Sätzen von bürgerlichen Bundesräten (Arnold Koller), Korpskommandanten (Jörg Zumstein), Unternehmern, PolitikerInnen und NZZ-Inlandredaktoren zusammen. Sie enthält auch Sätze von Intellektuellen und Schriftstellern (Niklaus Meienberg, Paul Nizon), Philosophen (Hans Saner), linksgrünen PolitikerInnen (Jo Lang, Verena Diener: «Trotz allen Widersprüchen, die sie in sich birgt: Ich habe sie gern, weil sie so unvollkommen ist - wie Sie und ich») - und sogar des verantwortlichen WOZ-Redaktors selbst, der die Schlusspointe platzierte: «Die Schweiz, dieses Mensch!» (Andreas Simmen).

Ob zum Nationalfeiertag seither jemals wieder so viel Nonsens auf der Titelseite einer Zeitung zu lesen war?

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