Nr. 25/2006 vom 22.06.2006

Was weiss die WOZ?

Von Paul Parin

Die WOZ hat den «Weg nach Pale» anscheinend gefunden. Damit folgt sie der «Weltwoche», die im Januar 1994 ein unverfälschtes Dokument serbischer Kriegspropaganda von Peter Brock veröffentlicht hat. Die «Weltwoche» hat unter dem Gewicht von fundierten Gegendarstellungen ihren Standpunkt schrittweise revidieren müssen. Sie musste anerkennen, dass das serbische Regime in Belgrad und das von ihm abhängige in Pale die Angreifer in einem deklarierten, geplanten, rücksichtslosen, mit überlegenen Waffen vorgetragenen Eroberungs-, Vertreibungs- und Vernichtungskrieg sind, der von ihnen erst gegen Slowenien, dann gegen Kroatien und seit April 1992 gegen Bosnien-Herzegowina entfesselt wurde.

Ich weiss nicht, was die WOZ dazu bewogen hat, den «Experten» Harry Richter mit einem Propagandaartikel zugunsten der Angreifer abzudrucken. Nach weiteren achtzehn Monaten Krieg kann kein Zweifel darüber bestehen, wer in Bosnien-Herzegowina die Angreifer und Eroberer sind und wer die Opfer. Ich werde die Argumente hier nicht wiederholen, mit denen ich in bisher über fünfzig Publikationen Geschichte, Entfaltung und Entwicklung des Krieges verfolgt und die Haltung der Weltmächte (EU, Uno usw.) analysiert habe, die das serbische Vorgehen symbolisch angeprangert und verurteilt, mit ihren Taten jedoch in jeder Weise unterstützt haben.

Wenn die Redaktion der WOZ diese Publikationen sowie ungezählte andere nicht zur Kenntnis genommen hat, hätte sie wenigstens den Aufsatz von Harry Richter aufmerksamer lesen dürfen, zum Beispiel: den «Fehler, ( ... ) der 1992 gemacht wurde, als unter dem Druck Deutschlands eine übereilte Anerkennung der einseitig abgespaltenen ehemaligen jugoslawischen Republiken erfolgte. Das hatte letztlich direkt zum Ausbruch des Krieges beigetragen.» Hat die Redaktion vergessen, dass der Krieg gegen Slowenien im Juni 1991, gegen Kroatien im Juli 1991 «ausgebrochen» ist? Weiss die WOZ nichts anderes über die eingeschlossenen und grausam beschossenen «Schutzzonen», als dass «die bosnischen Moslems (sie) für die Vorbereitung und Ausführung von Offensiven gegen die Serben missbrauchen»?

Ich sehe, dass die WOZ bestrebt ist, das Geschichtsbild ihrer Leser und Leserinnen zu korrigieren. Wenn sie im gleichen Sinn weiterfahren will, schlage ich ihr vor, von einem «Experten» darlegen zu lassen, dass die im Warschauer Ghetto eingeschlossenen Juden diese ihre von der SS bewachte Schutzzone «für die Vorbereitung und Ausführung von Offensiven» gegen das «faktisch existierende» (zit. Harry Richter) Protektorat Polen missbraucht haben, für den Aufstand im Ghetto vor 51 Jahren. Der überlebende Augenzeuge des Aufstands im Ghetto von Warschau, der Arzt Marek Edelmann in Lodz, wäre für die WOZ kein geeigneter Experte.

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