Nr. 11/2006 vom 16.03.2006

WoZ goes regional

Dank dem Engagement von ehemaligen MacherInnen und AbonnentInnen von «Luzern heute» wird ein Experiment möglich, das eine Chance sein könnte weit über Luzern hinaus.

Von Das WOZ-Kollektiv

Der gesamten Auflage der kommenden WoZ Nr. 11/00 vom 16. März wird ein vierseitiger Luzern-Teil beiliegen: die erste Ausgabe von «WoZ Luzern». Für die WoZ-AbonnentInnen in den Gemeinden mit den Postleitzahlen zwischen 6000 und 6499 beginnt damit die Zeit einer WoZ mit Regionalbund. Dem übrigen WoZ-Publikum bieten wir mit der Grossauflage die Gelegenheit, den neuen publizistischen Schritt unserer Zeitung mitzuverfolgen.

Ist ein solcher Ausbau politisch und publizistisch überhaupt sinnvoll? Und wenn er es denn wäre, wie soll er finanziert werden? Diese beiden Fragen diskutieren die MacherInnen der WoZ nicht erst seit diesem Winter. Erstmals fanden sich jedoch in den letzten zwei Monaten darauf Antworten, die nun in Luzern den Schritt in die Regionen Tatsache werden lässt.

Der ökonomische Glücksfall

Die «Neue Luzerner Zeitung» bildet mit einer Reihe von Kopfblättern und Beteiligungen im Lokalradio- und Lokal-TV-Bereich ein regionales Medienmonopol (siehe WoZ Nr. 9/00). Vier Jahre lang hat «Luzern heute», zuerst als Tages-, später als Wochenzeitung, diesem Monopol in Luzern und Umgebung getrotzt. Eine viel beachtete und viel gerühmte publizistische Leistung, die aber finanziell immer weniger tragbar war. Während der Überlebenskampagne im Herbst 1999 wurden die AbonnentInnen der Zeitung dazu aufgerufen, den doppelten Abobetrag einzubezahlen. Gegen 1300 AbonnentInnen kamen der Aufforderung nach - zu wenig, um die Zeitung für ein weiteres Jahr zu sichern, aber zu viel, um sie sterben zu lassen. Als sich in der Folge eine Zusammenarbeit mit der WoZ abzuzeichnen begann, entschieden sich zwei Drittel der DoppelabonnentInnen, dieses Geld dem Projekt «WoZ Luzern» zur Verfügung zu stellen.

Dieses Geld bildet den Hauptposten des «WoZ Luzern»-Budgets von rund 250 000 Franken. Dazu kommen Inserateeinnahmen, voraussichtlich eine Unterstützung durch den «Förderverein Luzern heute» - der sich letzte Woche in «Förderverein Luzern heute/WoZ» umbenannt hat - und ein kleiner Aufpreis auf dem Abo der «WoZ Luzern»-BezügerInnen. Rechnet man bisherige WoZ-Abos und neue «Subskriptionsabos» im Raum Luzern zusammen, ergibt sich die Zahl von knapp 1300. Schafft das Projekt «WoZ Luzern» bis zum 31. Dezember 2000 den Abostand von 1500, so ist es auch für das folgende Jahr gesichert.

Die publizistische Chance

Einer der publizistischen Leitbegriffe der WoZ-Gründergeneration war die «Gegeninformation». Die WoZ startete im Oktober 1981 in einer Zeit, in der die grossen bürgerlichen Medien ganze Themenbereiche - man denke an die Armee oder den Staatsschutz - weitgehend totschwiegen. Mit dem Ende des Kalten Krieges ist diese Zurückhaltung gefallen: Story ist seither alles, was sich personalisieren und als Primeur und Sensation verkaufen lässt.

Gleichzeitig ist jedoch durch den zunehmenden Konzentrationsprozess der Printmedien eine neue Zurückhaltung in der Berichterstattung entstanden: Regionale Monopolmedien sind naturgemäss stark verhängt mit den lokalen und regionalen Machtstrukturen. Dadurch wird alles, wofür die kritische politische Opposition steht und kämpft, tendenziell zur nicht erwünschten Information, die so kurz wie möglich abgehandelt wird - wenn überhaupt.

Diese Entwicklung, der in den letzten Jahren unter anderem der Rest der AZ-Presse zum Opfer fiel, betrifft weite Teile der Deutschschweiz. Dadurch verloren all jene kritischen politischen AktivistInnen, die sich auf lokaler und regionaler Ebene engagieren, ihre parteilichen Medien, die die fundierte Kritik, den Diskussionszusammenhang und den Fluss der Information garantiert hätten. Durch diese medienpolitische Entwicklung zeigte sich immer deutlicher eine neue publizistische Aufgabe für die WoZ: Es geht erneut um «Gegeninformation», allerdings bedeutet der Begriff anderes als 1981.

Das zweite Argument für das nun anlaufende Experiment ist das der Vollständigkeit. Wann ist eine Zeitung vollständig? Wenn sie neben einem Inland-, Ausland-, Kultur- und Szeneteil auch «Wirtschaft», «Sport», «Trend» oder «Innovation» mit eigenen Bünden abdeckt? Unsere Antwort ist eine andere: Vollständig ist die WoZ, wenn sie ihrem Publikum auf der internationalen, der nationalen und der lokal-regionalen Ebene interessanten kritischen Journalismus bietet. Deshalb liegt der WoZ, die einen nationalen Anspruch hat, seit 1995 die deutschsprachige Ausgabe des international ausgerichteten «Le Monde diplomatique» bei. Und deshalb wollen wir jetzt mit «WoZ Luzern» auf die lokal-regionale Ebene vorstossen. Daraus ergibt sich: Gelingt das Luzerner Experiment, wird es in anderen von Medienmonopolen dominierten Regionen Schule machen. Dann könnte es zum Beispiel um eine «WoZ Basel», eine «WoZ Aargau» oder eine «WoZ St. Gallen» gehen. Und auch in Bern und Zürich stünde dann - trotz weniger monopolisiertem Medienplatz - eine Regionalausgabe zur Diskussion.

Neugier, Offenheit und Leidenschaft

Nun war «Luzern heute» eine Zeitung, die ein breites Publikum zu bedienen versuchte, auch wenn sie schliesslich vor allem von Linken und Grünen getragen wurde. Die WoZ jedoch sagt von sich, «die grösste linke und unabhängige Wochenzeitung in der Schweiz» zu sein. Wie soll denn das zusammengehen? Es stimmt, die WoZ ist und bleibt eine linke Zeitung, links allerdings nicht im Sinn einer parteipolitischen Linie oder eines ideologischen Dogmas, sondern im Sinn des «Leitbilds», das sich die Redaktion im Sommer 1999 gegeben hat: «Links zu sein, heisst für die WoZ-Redaktion, gesellschaftliche Zustände nie als naturgegeben hinzunehmen, sondern sie als Ausdruck von Machtverhältnissen und daher als veränderbar zu betrachten. Die Aufgabe der WoZ als linke Zeitung ist es, all jene Machtverhältnisse zu beschreiben, zu hinterfragen und zu analysieren, die verhindern, dass Menschen frei und in Würde leben können.» An diesen Sätzen wird auch «WoZ Luzern» zu messen sein.

Das neu entstandene «WoZ Luzern»-Team, das sich dieser Herausforderung stellt, setzt sich aus RedaktorInnen und Mitarbeitern von «Luzern heute» zusammen. Urs Dossenbach und Paul Knüsel übernehmen die Redaktion, unterstützt werden sie von Heinz Roland, Christoph Fellmann und in der Startphase zusätzlich von Sandra Baumeler. Für ihren Start mitten im Wahlkampf der Stadt Luzern wünschen wir ihnen viel Erfolg und das, was wir auch uns im «Leitbild» vorgenommen haben: «Neugier, Offenheit und Leidenschaft für Menschen und ihre Meinungen».

Wir bedanken uns bei all jenen, die dazu beigetragen haben, dass das Projekt «WoZ Luzern» starten kann, und laden herzlich zum «WoZ Luzern»-Fest.

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