Nr. 15/2006 vom 13.04.2006

Noch hält die Firma die Festung

Besichtigung der Hinterhöfe - Schweizer Geschäfte in Afrika, Asien und Lateinamerika (Folge 10): Eine Reportage über Sandoz’ Pharmageschäfte in Pakistan

Von Heidi Stutz

Das Tor zum Paradies ist streng bewacht. Salutierende Sicherheitsbeamte schlagen eckig die Hacken zusammen, als der Wagen durchs hastig aufgerissene Eisengitter aus der staubig kargen Wirklichkeit Pakistans in den blühenden Tessinergarten rollt und auf die intern «Champs-Elysées» genannte Vorfahrt einbiegt. Die uniformierten Braunen gleichen den pakistanischen Militärs. Nur auf den Achselpatten prangt in einem Dreieck das berühmte «S». «Man kann von einer weltweiten Sandoz-Kultur reden», hatte in Basel der oberste Pharmaboss Max Link gesagt: «Die Fabrik in Pakistan sieht nicht anders aus als andere anderswo.»

Zia Ul Islam Zuberi, der pakistanische PR-Mann von Sandoz mit dem Schriftzug «Playboy» am Brillenbügel, ist froh, den «Superhighway» hinter sich zu haben. Einmal mehr hat er die halsbrecherischen zweieinhalb Stunden Fahrt vom Sandoz-Hauptsitz in Karachi, wo uns der Schweizer Direktor Werner S. Zerr empfangen hatte, ins Provinznest Jamshoro im ärmsten Teil des Sind überlebt. Und schon mahnt er, abends rechtzeitig aufzubrechen, weil nach Anbruch der Dunkelheit Räuberbanden Fahrzeuge stoppen, ausräumen und, falls ein Lösegeld möglich scheint, die Insassen entführen. Über die Wichtigkeit dieser Tatsachen für die Firma wird später zu reden sein.

Zuberi stellt die Herren vom Management vor. Die lassen Tee servieren und sind gerne bereit, Fragen zu beantworten. Nur das Fotografieren in der Fabrik geht letztlich doch nicht: Gefahr von Sabotage. Das pakistanische Personal würde auch gern knipsen und darf nicht. Es hätte wenig Verständnis, wenn Westler plötzlich mehr Rechte hätten. Wir verstehen doch? Sie stellen ein Tonband auf den Tisch, damit sie später noch wissen, was sie gesagt haben. Wir nippen am in Pakistan obligaten Tee.

Die Manager plaudern beim Tee

Die Sandoz-Fabrik wurde Ende der sechziger Jahre erstellt, «weil sonst die Grenzen zugegangen wären», wie es in Basel Pharmaboss Max Link ausdrückte. Die pakistanische Regierung versuchte damals die Multinationalen zu zwingen, zum Aufbau einer Industrie in ihrem Land beizutragen. Von den insgesamt 800 Sandoz-Beschäftigten in Pakistan arbeiten 520 in Jamshoro, stellen Medikamente, Farben und Agrochemikalien her. 260 davon sind im Pharmabereich beschäftigt. Dazu kommt die im Vergleich hohe Zahl von 110 Sandoz-Verkaufs-Vertretern, Träger der aggressiven Vermarktungspolitik der Firma. Das Medikamentengeschäft sei seit zwei Jahren defizitär, sagen die Manager. Dass die Aktionäre von Sandoz Pakistan dennoch zehn Prozent Dividende erhielten, verdankten sie der Farben- und Agrochemieproduktion.

Die Multi-kritische pakistanische Ärztevereinigung bezweifelt die Verluste. Alle internationalen Firmen zögen ihre Gewinne mit überhöhten Preisen beim Rohstoffimport ab, sagen die medizinischen Profis. A. J. Khan, der oberste Chefbeamte im Gesundheitsministerium, bestätigt, dass die zu hohen Transferpreise für Pakistan ein grosses Problem sind. Importiert eine Firma zu teuer, interveniert das Gesundheitsministerium neuerdings, trotz des Widerstands einiger Firmen. A. J. Khan: «Unsere Politik ist, dass wenigstens wichtige lebenserhaltende Medikamente für die Leute erschwinglich sein sollen.» (siehe Pakistan: Der Pharmamarkt)

Doch zurück zur Teerunde von Jamshoro. Ein Grossteil der Beschäftigten in der Fabrik sind Frauen, informieren die Herren. Einstellungsbedingung sei der Besuch von zehn Schuljahren - in einem Land mit über 90 Prozent Frauen-Analphabetismus eine hohe Qualifikationsschwelle. Packer und Packerinnen verdienen laut den Managern im Schnitt 1500 Rupien oder 125 Franken. Der Lohn setzt sich, wie in Pakistan üblich, mehrheitlich aus Zulagen für Wohnen, Lebenshaltungskosten, Transport, Verpflegung usw. zusammen.

Die Gewerkschaft ist nur ein Witz

Streik habe es seit der Firmengründung nur einen gegeben, noch in den siebziger Jahren. Heute herrsche mit der «Sandoz’s Employees Union», die alle Beschäftigten organisiert, ein gutes Einvernehmen. Zum Beweis erhalten wir ein Exemplar der Hauszeitung «Sandoz Scene» von 1986 mit Bildern von Vertragsunterzeichnung und Händeschütteln (im islamischen Land selbstverständlich nur von Mann zu Mann). Die Rede des Gewerkschaftssekretärs Sheikh Israel ist abgedruckt: Das Personal solle härter arbeiten, sagt er und dankt dem verständnisvollen Mafiagement für die herzlichen Beziehungen. Derselbe Sheikh Israel allerdings hatte im Dezember 1985 im pakistanischen Politmagazin «Takbeer» scharf gegen Sandoz geschossen: Es sei besser, die Fabrik zu schliessen, wenn sich der Umgang mit den Beschäftigten nicht ändere. Israel, der damals von der Firmenleitung abgesetzt werden sollte, gab zu, monatlich Bestechungsgelder erhalten zu haben.

Der Artikel erwähnt auch eine Episode aus dem Jahr 1973, als das Management nach längeren Auseinandersetzungen drohte, im Falle eines Streiks alle Beschäftigten zu entlassen. Als Antwort verbrannten diese Material im Wert von 1,7 Millionen Franken, sperrten die Manager in einen Raum und übergossen sie mit heissem Wasser.

Journalisten aus der nahen Provinzstadt Hyderabad bezeichnen die der «National Labour Federation» angeschlossene Sandoz-Hausgewerkschaft als «Witz», «Marionettenverein». Der ganze Verband sei bekannt für seine untertänige Position. Und Gewerkschafter aus dem Konkurrenzverband «Workers Federation» sagen, wie die meisten Firmen in Pakistan beschäftige auch Sandoz zum Grossteil «Temporäre» - 350 Leute, die nach der gesetzlichen Höchstbeschäftigungszeit von 90 Tagen jeweils für drei Tage auf die Strasse gesetzt und dann wieder eingestellt würden. Und das zum Teil seit sieben Jahren. Noch während unseres Aufenthaltes erscheint im «Jang», Pakistans grösster Zeitung, eine Meldung, die diese Praxis bestätigt. Sie ist zwar illegal, wurde vom früheren Militärregime aber gefördert, um die Macht der Gewerkschaften zu brechen. Netto erhalten die Temporären laut dem gewerkschaftseigenen «Labour Research Institute» in Karachi bei Sandoz 43 Franken im Monat. Dies bei einem gesetzlich festgelegten Mindestlohn von 83 Franken für Festangestellte. Man muss den Temporären eben nicht alle Zulagen zahlen und schon gar keine Sozialversicherung.

Die Tassen sind inzwischen ausgeschlürft. Die Stimmung schwankt zwischen Misstrauen und übertriebener Freundlichkeit. Ob sie Temporärarbeiter und -arbeiterinnen beschäftigen? Ja, je nach Arbeitsanfall im Schnitt zwischen 80 und 100. Lieber reden die Manager davon, dass die Firma einen eigenen Arzt hat und bei Krankheit oder Unfall sämtliche Spital-, Behandlungs- und Medikamentenkosten übernimmt - was allerdings pakistanischer Usus ist. Dass der Lohn dagegen bei Krankheit nur drei Wochen fortgezahlt wird, übergehen sie geflissentlich. Sie erwähnen den Profit-Bonus, den sie Ende Jahr manchmal zahlen, die Dienstaltersgeschenke und das Pensionsschema. (Das Pensionsalter liegt in Pakistan bei 55 Jahren, soll aber 1991 auf 60 Jahre heraufgesetzt werden.)

Die PackerInnen huschen wie Geister vorbei

Schliesslich werden weisse Kittel und Hauben verteilt. Der Rundgang durch die Fabrik beginnt bei den hochmodernen Computern der Qualitätskontrolle. Alles ist supermodern eingerichtet und nichts für Laien überprüfbar. Nur der Fliegenabzug an der Eingangsschleuse zum Produktionsgebäude verweist auf die Realität ausserhalb dieser klinischen Insel. Wie Geister huschen Pakistaner und Pakistanerinnen in weissen Shalwar Kameez (der traditionellen Pluderhose mit weitem Hemd) und Hauben schichtenweise zum Lunch in die Kantine und eine halbe Stunde später zurück. Wir geben auf, aus dem Kreis des obersten Managements heraus mit ihnen zu reden. Die wenigen Versuche ergeben, dass alle mindestens fünf Jahre festangestellt und glücklich sind.

Klar ist nur, dass sie morgens um halb acht anfangen und - wenn keine Überstunden zu leisten sind - nachmittags um fünf aufhören, täglich, ausser Freitag (dem islamischen «Sonntag») und Samstag. Die Hälfte geht neben den zwei Teepausen noch zweimal zum Gebet in die fabrikeigene Moschee.

Haben sie, wie die lokalen Zeitungen, mit Mitleid auf «Bhopal» reagiert und nicht überlegt, was bei ihnen passieren könnte? Pharmachef Max Link hatte in Basel beruhigt, das Mischen, Abfüllen und Verpacken der Farben und Medikamente sei harmlos, schon deshalb sei in Jamshoro ein zweites «Bhopal» undenkbar. Unvorstellbar ist aber auch, dass etwaige Zwischenfälle den Weg in die Medien finden.

Überall mahnen Kleber in amerikanischer Manier zur Reinlichkeit, zum Gebrauch der Schutzmasken, zum Händewaschen. An jeder Ecke hängen in Reih und Glied rote Sandeimer zum Feuerlöschen. Beim Durchqueren des Warenlagers mit den importierten Rohstoffen fallen stapelweise Zuckersäcke mit dem Aufdruck «West Germany» auf. Die Fabrik steht mitten im pakistanischen Zuckeranbaugebiet.

Im neuen Sirupgebäude zieht sich die hermetisch gegen Bakterien abgeschlossene Saftpipeline durch die säuberlich beschrifteten, teils aber fensterlosen Produktionskammern bis zur automatischen Flaschenabfüllanlage, an die zwei Fliessbänder angeschlossen sind. Am älteren arbeiten Frauen, am moderneren junge Männer. Sie kontrollieren Reinheit und Beschriftung und packen die braunen Fläschchen voll Hustensaft in Kartons.

Haben die Packer und Packerinnen mitbekommen, dass der Wirkstoff Pizotifen des flüssigen Appetitanregers Mosegor in der Schweiz als Migränemittel Sandomiran verkauft wird? In Pakistan soll der Stoff bei neun von zehn Patienten signifikante Gewichtszunahmen garantieren. In der Schweiz sollen Migränekranke in seltenen Fällen unter Gewichtszunahme leiden.

Im Tablettentrakt läuft ebenfalls ein Fliessband. Die Arbeitsbedingungen sind wie in der Sirupproduktion monoton. Aufmerksam und unauffällig taxieren die Packerinnen uns, die Weissen, die da mit dem Management zusammen pakistanische Arbeitsleistung besichtigen. Wissen sie, was sie verpacken? Bis vor kurzem etwa das barbiturathaltige Optalidon, das wir, obschon es süchtig macht, rezeptfrei in verschiedenen Apotheken Pakistans erstehen - briefchenweise, ohne Packungsprospekt, bloss mit dem Aufdruck «Optalidon - against pain and fever». Der Psychiatrieprofessor und Entzugsspezialist Zaheer Khan hatte Sandoz Pakistan vor vier Jahren gewarnt, das Schmerzmittel werde im Drogenmilieu missbraucht. Die Firma reagierte nicht. Dabei gibt es längst harmlosere Ersatzstoffe. Jetzt hat das Gesundheitsministerium das barbiturathaltige Präparat verboten, weil es auch in der Schweiz vom Markt verbannt wurde. Das Lager werde noch verkauft. Wie gross es ist, wollen die Manager nicht verraten. «Swiss Excellence and Research you can trust», wirbt die Sandoz-Tochter in Pakistan.

Die Medikamente sind umstritten

Was haben die Männer und Frauen an den Fliessbändern wohl gedacht, als das verkaufsstarke Durchfallmittel Intestopan vor einem Jahr plötzlich in Neo-Intestopan umgemodelt wurde, weil sein alter Wirkstoff, wie früher das legendäre Enterovioform, die Smon-Krankheit auslösen kann? Überlegen sie sich, dass mit billiger Zuckersalzlösung der weitverbreitete Durchfall vernünftiger zu kurieren wäre und dass das Geld dann vielleicht für gesunde Nahrung reichen würde? Kommt es ihnen nicht zynisch vor, wenn Sandoz mit dem Spruch «50 Prozent der pakistanischen Bevölkerung sind unterernährt» das Multivitamin-Präparat Nutrisan propagiert? In der Schweiz möchte die «Interkantonale Kontrollstelle für Heilmittel» neu definieren, was an Vitamin-Kombinationen nur teurer Unfug ist. Die «Schweizerische Gesellschaft für chemische Industrie» wehrt sich gegen diese Neubestimmungen, weil sie von Drittweltländern übernommen werden könnten. Geschäfte wie das mit dem Allerwelts-Nutrisan wären dann gefährdet.

Den in Jamshoro hergestellten Grippe- und Erkältungsmitteln Triaminic und Tavegyl-D werfen KritikerInnen vor, sie seien veraltet und widersprüchlich zusammengesetzt. Die «Erklärung von Bern» bezeichnet sie als «Arzneimittel-Fossilien» und «Drittwelt-Pharmaschrott».

Zum Schluss des Rundgangs führt Fabrikdirektor Iftikhar Chowdhry die Wasserreinigungsanlage vor. Hier wird die bräunliche Brühe des nahen Indus für die Sirupproduktion aufbereitet. Sandoz hat als einzige Fabrik in diesem rückständigen Gebiet die Wasserleitungen vom Hindus hierher selber legen müssen. «Davon hat auch die Umgebung profitiert», bekräftigt der Direktor. «Im Dorf nebenan gab es vorher keine Wasserversorgung.»

Durch den Garten streben wir dem Gästepavillon zu, sehen, wie Eselkarren trockene Äste wegschleppen. «Wo immer möglich beschäftigen wir die lokale Bevölkerung», entschuldigt der Direktor den Einbruch pakistanischer Realität ins stacheldrahtgeschützte Sandoz-Land. Im Pavillon bieten dann Hochglanzfotos aus dem Sandoz-Kalender «Musikinstrumente in Pakistan» an den Wänden wieder gepflegte Exotik - gerade richtig für überstresste Spezialisten aus Basel, deren Kontrollbesuche Saison haben, weil die Temperaturen noch nicht auf die unerträgliche Sommerhöhe von gegen 50 Grad Celsius geklettert sind.

Der Koch, der früher den Schweizer Botschafter umsorgte, tischt gehörig auf. Ein Hauch von Internationalität kommt auf, Auslanderinnerungen. Ferien und Konferenzen haben die Herren in der Welt herumgebracht. Sie erklären, warum die Schweizer Küche ungeniessbar und Macao besser als Hongkong ist. Das Zehn- oder Zwanzigfache vom Lohn der Packer und Packerinnen reicht für diesen Lebensstil nicht aus.

Das Betriebsklima sei toll, sagen die Manager. Man erfährt, dass sie schon seit Jahren oder Jahrzehnten bei Sandoz arbeiten und teilweise auch gemeinsam in den Urlaub fahren. Direktor und oberste Manager haben sogar ihre Villen auf dem Fabrikareal.

Plötzlich ist vier Uhr vorbei, Zeit für den «Superhighway». Zum Abschied verschenken die Herren je einen teuren Pakistan-Fotoband und einen handgewobenen Teppich mit Sandoz-Signet-Muster. Direktor Chowdhry hebt zu einer Abschlussrede an. Er wiederholt, wie stolz er sei, für die seriöse Qualitätsfirma zu arbeiten: «Ich glaube, dass wir da draussen einen wichtigen Job erfüllen.» Sogar eine Schule hat Sandoz in der nahen Stadt Hyderabad mit eingerichtet. Allerdings ist sie privat und nur für die Manager bezahlbar.

Die Gesundheitsprobleme werden nicht gelöst

Auf der andern Seite des Fabriktors hat uns Pakistan wieder. Das Pakistan der Lehmhäuser, der aus ein paar Balken improvisierten Teestuben, der Turbanmänner, die aus der Hocke gewichtig referieren. Das Pakistan der Drachenbusse und verspielt bemalten Holzlastwagen, mit dem Lärm und dem Staub. Romantisch ist es nicht. Sandoz etwa kann keine eigenen Lastwagen auf den Highway schicken, weil schlicht von der Strasse verdrängt wird, wer nicht zur Transportmafia gehört.

Nebenan, gleich bei der Sind-Universität, steht das «Medical College» von Jamshoro, wo Premierministerin Benazir Bhutto dieser Tage Abschlussdiplome überreicht. Eine Handlung mit Symbolwert, weil die Schulen vor ihrer Regierungszeit wegen politischer Unruhen häufiger geschlossen als offen waren. Die Pharma-StudentInnen haben das Glück, bei Sandoz Gratispraktika absolvieren zu dürfen. Da können sie an all den teuren Geräten arbeiten, die der Staat der Uni nicht zur Verfügung zu stellen vermag. Pharmakologie-Professor Farooq Ansari hofft, mit Sandoz’ Hilfe dereinst vielleicht sogar eine einfache Uni-Forschungsabteilung aufbauen zu können.

Auf halbem Weg nach Karachi liegt das neue Industriegebiet Nuriabad. Dessen Bosse sind beliebte Opfer von Entführungsfällen. Selbst der frühere Militärdiktator Zia ul-Haq wusste nichts Besseres, als den Fabriken an der Eröffnungsfeier Kalaschnikovs zu überreichen. Sogar die Sandoz-Manager setzen aber inzwischen lieber auf die nationale Versöhnungspolitik von Benazir Bhutto, auch wenn ihre Gesundheitspolitik sich eher an den Bedürfnissen des Volkes orientieren und auf eine Preissenkung der Medikamente dringen müsste. Die Multis brauchen sie nicht zu fürchten. Heute haben die Konzerne in dem hochverschuldeten Land mit dem Internationalen Währungsfonds eine effiziente Interessenvertretung. Wie sich die Zeiten ändern. 1983 noch hatten die Herren stolz nach Basel vermeldet, dass Zia an einem Kardiologiekongress «Welldone Sandoz!» ins Gästebuch geschrieben hatte.

Ankunft in Karachi. Das Ende der Sandoz-Tour. Die Gedanken aber wandern zurück. Zurück zu jenen unbekannt gebliebenen Männern und Frauen an den Fliessbändern. Was heisst es wohl für sie, dass der Grossteil des pakistanischen Sandoz-Sortiments für die drängenden Gesundheitsprobleme kaum vernünftige Lösungen bietet, mal überflüssig ist und immer zu teuer? Zwei Drittel der pakistanischen Bevölkerung haben keinen Zugang zu lebensrettenden Medikamenten. «Das ist ein ethisches Problem, das gebe ich schon zu», hatte sich in Basel Pharmachef Max Link aus der Affäre gezogen. «Gedanklich muss man sich sogar damit beschäftigen, ob Pakistan längerfristig überhaupt ein Markt für uns ist, ein Markt, auf dem wir tatsächlich einen namhaften Beitrag leisten können, oder ob wir nicht unsere medizinischen Möglichkeiten einer Weltgesundheitsorganisation zur Verfügung stellen sollten und sagen: ‹Seht, das ist, was wir können. Wo habt ihr das Gefühl, dass man unsere Leistungen am besten einsetzt?› Es übersteigt unsere Möglichkeiten, wirklich einen spürbaren Beitrag zur Lösung der Gesundheitsprobleme in der Dritten Welt zu leisten.» Noch hält die Firma ihre Festung, noch hofft sie wohl auf das 100-Millionen-Kunden-Potential der Zukunft.

Wir fahren wieder nach Jamshoro. Diesmal im überfüllten Bus und auf eigene Faust. Der Hausgewerkschaft trauen wir nicht, suchen die Kontakte zu den Sandoz-ArbeiterInnen über andere Kanäle. Und stossen da erst richtig auf ein zentrales - das ethnische - Problem: Letzten Herbst gab es, nicht weit von der Fabrik, bei Zusammenstössen über hundert Tote, und der Frieden im Innern der Provinz Sind ist noch nicht vollständig wiederhergestellt. Sandoz rekrutiert sein Personal grossteils aus der verhassten Nachbarprovinz Punjab (siehe Islamische Republik Pakistan). Aus ihr stammen auch viele der Manager. Die alteingesessenen Sindhis sind zu bekannt für ihre politische Militanz. Sandoz hat in Jamshoro nur zwischen 25 und 30 von ihnen fest angestellt.

Die Anwohner bleiben ausgeschlossen

Ein anderes Problem ist, dass ein Teil der Sandoz-ArbeiterInnen nicht mit WestlerInnen reden will. Wer sagt, dass die zuletzt nicht doch für die Firma arbeiten? Und der Zugang zu pakistanischen Frauen ist sowieso schwierig, auch weil die Kontaktleute hier in der Provinz fast notgedrungen Männer sind. Wir versuchen es schliesslich auf gut Glück in Lakho Faqir, einem 500-Seelen-Dorf direkt an der Sandoz-Schutzmauer.

Die immer wieder erzählte Geschichte hören wir zuerst von einem lokalen Abgeordneten der Regierungspartei «Pakistan People’s Party». Die Klage nämlich, dass das Dorf, in dem Sandoz günstig zu einem Grundstück gekommen ist, kaum von der Fabrik profitiere. Nicht einmal die Wasserleitung, die Sandoz zur Fabrik gezogen hat, wurde bis Lakho Faqir verlängert. Der Fabrikdirektor, der stolz das Gegenteil geschildert hatte, rechnete offenbar nicht damit, dass jemand seine Aussagen überprüft. Tatsächlich gibt es im ganzen Dorf nur einen einzigen, ganz gewöhnlichen Brunnen, aus dem die Frauen mit ihren Tonkrügen das Wasser in ihre Häuser schleppen.

Ein paar wenige Dorfbewohner von Lakho Faqir haben Jobs in der Fabrik erhalten, zum grossen Teil allerdings als Temporäre. Einer der wenigen Festangestellten aus der Nachbarschaft ist oder war Rasool Bakhsh Khaskeli. Er liegt mit gebrochenem Arm und gebrochenem Bein im einzigen Raum seines Lehmhauses. Zwei Monate verbrachte der fünffache Familienvater im Spital, weil ihn persönliche Feinde verprügelt hatten. Ein Sandoz-Manager hat ihn einmal besucht. Den Lohn aber hat er nicht mehr ausbezahlt bekommen, und die Spitalrechnungen wurden bisher nicht beglichen.

Wieder denken wir an die gegenteiligen Aussagen der Manager. Die Theorie, dass die Firma alle Behandlungskosten zahlt, scheint meilenweit von der Praxis entfernt. Und auch der Arzt, der theoretisch für die Sandoz-Leute da ist, taucht selten in der Firma auf. Der zwei Jahre vor seiner Pensionierung stehende Rasool Bakhsh Khaskeli, der im Sicherheitsdienst arbeitete, hat Angst, dass er nicht mehr weiterbeschäftigt wird. Ausgerechnet Rasool Bakhsh Khaskelis Vater hatte früher das Land gehört, das heute hinter jener stacheldrahtbewehrten Mauer liegt. Er wollte seiner Familie durch den Verkauf eine gesicherte Zukunft ermöglichen. Jahrelang und ohne Chance prozessierte er später gegen Sandoz, weil er der Meinung war, dass er beim Landverkauf übers Ohr gehauen worden war.

Zwei Männer aus dem unteren Management sind schliesslich, unabhängig voneinander, ebenfalls bereit, Auskunft zu geben. Beide wollen nicht namentlich erwähnt werden. Ihre Sorgen sind andere, als wir dachten. Wir sollen die Basler Konzernspitze warnen, sagen beide, dass Sandoz hier von den eigenen Leuten übers Ohr gehauen werde. Beide schildern die netten Herren, die wir kennengelernt hatten, als verdächtig schnell reich gewordene Maden im Speck. Die von PR-Mann Zuberi vielbeschworene Gefährlichkeit des «Superhighways» und die politische Unruhe im Gebiet nutzen sie dazu, sich die firmeneigenen Kontrollen möglichst vom Hals zu halten. Beide Informanten nennen Beispiele von Abrechnungsmanipulationen. Beide erzählen, wie 1983 ein ganzer Lastwagen voll Medikamente auf unerklärliche Weise verschwunden ist.

Vor allem aber: Fabrikdirektor Chowdhry, Administrativdirektor A. G. Sheikh und der Verwaltungsmanager M. R. Jaliawala würden eine eigentliche Gang bilden. Ihnen gehöre das Bauunternehmen «Mehran Associates» (früher «Tameerl Buildets»), das für alle Bauarbeiten bei Sandoz von ihnen selbst beauftragt wird. Sie kontrollierten das Lastwagenunternehmen, das für Sandoz fährt, besässen das Temporärbüro, das Arbeitskräfte an die Firma vermittelt und an den Löhnen mitkassiert. A. G. Sheikh spiele für Sandoz mit seiner «Lasani Pak (privat) Ltd.» auch den Medikamenten-Grossisten, der ausschliesslich deren Produkte vertreibt.

Der Tessinergarten hinter dem streng bewachten Tor ist also doch ein Paradies. Wenn auch eines für wenige.

Der Sandoz-Konzern

In der Serie «Besichtigung der Hinterhöfe - Schweizer Geschäfte in Afrika, Asien und Lateinamerika» sind ausserdem erschienen:

Mövenpick-Hotels in Ägypten, von Tina Bergmann, WoZ 41/88 (14.10.88).
Sulzer-Schwerwasseranlage in Argentinien, von Gaby Weber, WoZ 45/88 (11.11.88).
Sulzer-Webmaschinen in Südindien, von Biggi Wolff, WoZ 47/88 (25.11.88).
Fabrikation von Schweizer Waffen in Chile (SIG), von Alvaro Rojas und Helmut Scheben, WoZ 50/88 (16.12.88).
Schindler-Joint-Venture: «China Schindler Elevator» in Shanghai, von Urs Morf und Peter Frey, WoZ 4/89 (27.1.89).
Unternehmergeist und Sozialpartnerschaft für Zentralamerika, von Res Strehle und Olivia Heussler. 1. Teil: Wie aus «Informellen» Unternehmer werden sollen, WoZ 6/89 (10.2.89). 2. Teil: Wie aus Asbest Engelshaar wird (Schmidheiny), WoZ 7/89 (17.2.89).
Rückzug aus den Hinterhöfen? Die Multis und die Dritte Welt. Eine Analyse von Peter Bosshard, WoZ 9/89 (3.3.89).
Nestlés Milch- und Kaffee-Geschäfte auf den Philippinen, von Urs Zwicky, WoZ 13/89 (31.3.89).

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