Nr. 09/2006 vom 02.03.2006

«Schöne neue Weltordnung»

Von Jürg Fischer

In der Hausmitteilung der WOZ Nr. 9/92 wurde vermeldet, dass der für die WOZ-Veranstaltung vom 27. März vorgesehene Referent Gregor Gysi leider an der Teilnahme verhindert sei. Gysi war damals Vorsitzender der PDS und ständig auf Achse. Nur in der letzten Märzwoche konnte er mit seiner Freundin einige Tage Ferien machen, was er der Reise nach Zürich vorzog. An seiner Stelle luden wir einen von Gysis PDS-Genossen ein, den weniger charismatischen, aber ebenso fundierten Michael Brie. Der Anlass mit Brie und drei weiteren ReferentInnen war eine von acht Veranstaltungen unter dem Titel «Schöne Neue Weltordnung», die wir zwischen Februar und Juni 1992 in Zürich organisierten.

Im Jahr zuvor hatte Vater George Bush seinen Irakkrieg geführt, 1989 war die Berliner Mauer und mit ihr der ganze Eiserne Vorhang gefallen, ein riesiges System war einem noch riesigeren unterlegen und hatte sich aufgelöst. Der Siegeszug der «Neuen Weltordnung» war in vollem Gang und warf überall, wo er durchkam, neue Probleme und Fragen auf. Für das damalige WOZ-Kollektiv Grund genug, einige dieser Fragen zu «büscheln» und sich ein geeignetes Diskussionsforum für die von Orientierungslosigkeit bedrohte Linke auszudenken.

Das «Setting» bestand aus jeweils einem mit prominenten Gästen besetzten Tisch. Die Gäste waren nach geografischen und thematischen Aspekten ausgewählt worden. Unter Leitung einer kundigen Moderation diskutierten sie anschliessend miteinander und mit dem Publikum. Höchst streitbare ZeitgenossInnen aus aller Welt, etwa Tony Benn, Jean Ziegler, Fatema Mernissi, Samir Amin und Noam Chomsky, sorgten nebst weiteren hochinteressanten RednerInnen achtmal für eine volle Aktionshalle in der Zürcher Roten Fabrik.

«Jedenfalls drohen uns die Konflikte in der ‹Neuen Weltordnung› zum Verstummen zu bringen. Kein Kampf mehr zwischen Recht und Unrecht, sondern zwischen zwei Übeln», beschrieb der österreichische Schriftsteller Erich Hackl als Moderator der ersten Veranstaltung die Ausgangslage. Von Verstummen im Wortsinn konnte bei keinem der acht Abende die Rede sein, es wurde referiert und debattiert, die Beteiligten nannten die unguten Zustände beim Namen und skizzierten Ideen für eine bessere Welt.

Am längsten beschäftigt hat die WOZ und eine grosse weitere Öffentlichkeit der erste Abend zur Situation Lateinamerikas mit dem kubanischen Schriftsteller Jesús Díaz und seinem uruguayischen Kollegen Eduardo Galeano. Díaz, der an der kubanischen Revolution teilgenommen hatte, aber schon oft mit seinen undogmatischen Ansichten angeeckt war, formulierte in Zürich seine Kritik am kubanischen Regime in einer Deutlichkeit, die wehtat, jedenfalls all jenen, für die solche Kritik fast einem Überlaufen zum Gegner gleichkam. Díaz wies Fidel Castros Losung «Socialismo o muerte» als unmoralisch zurück. Auch Galeano reagierte konsterniert und betonte die Bedeutung der kubanischen Revolution für die lateinamerikanische Linke. Díaz’ «Coming-out» verbreitete sich wie ein Lauffeuer auch in Kuba und machte ihn dort zur Persona non grata. Der kubanische Kulturminister brandmarkte ihn als Judas. Díaz wählte das Exil, lebte in Berlin und Madrid, wo er 2002 starb. Er äusserte sich weiterhin kritisch zu Kuba, jedoch als Staatsfeind abstempeln liess er sich nicht.

Was auch immer man von Díaz’ Intervention halten mochte, sie hatte Modellcharakter für einen möglichen Umgang mit der veränderten Weltlage: die realen Verhältnisse nicht unwidersprochen als gegeben betrachten, alte Ideale überprüfen, ohne sie pauschal über Bord zu werfen.

Die Lateinamerikadebatte wie auch die anderen sieben Veranstaltungen zur «Schönen Neuen Weltordnung» sind ausführlich dokumentiert im gleichnamigen Buch, das immer noch erhältlich und erstaunlich aktuell geblieben ist.

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