Nr. 33/2006 vom 17.08.2006

1993 hatte die WOZ noch ein Sexleben

Von Esther Banz

Auf der Redaktion einer dezidiert politischen Wochenzeitung ist das Triviale, das Private, das vermeintlich Harmlose das, was allenfalls dann noch aufs Tapet kommt, wenn sich alle bereits erschöpft mit der Zeitung der letzten Woche Luft zuwedeln. Ist auch verständlich: Befasst man sich mit dem Weltgeschehen, das ohne Pause mit absoluter Dringlichkeit nach Aufdecken! Analysieren! Kommentieren! schreit, ist das Private im Vergleich dazu bestenfalls ein «nice to have», etwas, das sich locker auf die nächste Ausgabe schieben lässt, oder die übernächste?

Schön, zu entdecken, dass «Sex», zumindest als Worthülse, dann doch in fast jeder WOZ-Ausgabe mindestens einmal stattfinden durfte. Manchmal warens auch echte Auseinandersetzungen mit Sexualität und Themenverwandtem. Anlass dazu gab es über die zweieinhalb Jahrzehnte hinweg immer wieder: HIV/Aids, Feminismus, Homosexualität, Queer-Theorien, Jugendkultur, Backlashs. Am häufigsten reflektiert und schliesslich auch medial betrachtet wurden diese Themen im Kulturressort. Fast kein WOZ-Kulturteil in all den Jahren, in dem nicht ein Film, ein Buch, eine Theateraufführung oder eine Platte Anlass gegeben hätten, einen, vielleicht nur flüchtigen, Gedanken an Sex zu verschwenden. Aber auch Martha Emmenegger, Mona Vetsch, Max Küng, Milena Moser, Peter Schneider und viele mehr hatten in der WOZ ihren Sexauftritt.

Richtig explizit wurde die WOZ 1993. Man fragt sich, dreizehn Jahre später, ja schon, wie es die beiden Redaktorinnen Daisy Sommer und Marie-José Kuhn damals geschafft haben, ein 27-köpfiges, mehrheitlich heterosexuelles Team dazu zu bringen, vor dem Weltgeschehen die Hosen runterzulassen, quasi eine ganze Woche lang. Aber so wars. «Texte über die angenehmen Seiten von Sex&Co. haben in den wenigsten Fällen News-Charakter, dennoch lesen wir sie meist mit mehr Neugierde und emotionalem Engagement als anderes», schrieb Kuhn im Leitartikel der Sex-WOZ, die am 20. August 1993 erschien. Dieser Einstieg in die Nummer, die Kuhn und Sommer «an der Redaktion vorbeiproduzierten» (Sommer), mag rechtfertigend klingen. Eins aber ist sicher: Über die Sex-WOZ redet man heute noch.

Was war, interessiert uns also, im Jahr 1993 der Stand des Sexdiskurses? «Wir haben keinen Trend zu vermelden, sondern viele», versprach Kuhn, «der individuelle Umgang mit Sexualität ist heute so verschieden wie eh und je.»

Kein Wunder, könnten diverse Texte der Sondernummer heute beinahe unverändert nochmals abgedruckt werden. Über die Frage «Wie über Sex reden?» sollte denn auch nicht zum letzten Mal in der WOZ sinniert werden. Sex respektive Sexunlust in Zeiten von Cyberkultur, Techno und Ecstasy: Immer noch zeitgemäss, man schaue sich nur mal die Titel aktueller Ratgeber an. HIV: dito. Natürlich fehlte in der Sex-WOZ die Politik nicht gänzlich. Lotta Suter ging auf die Suche nach dem kleinen Unterschied zwischen Christiane Brunner und Ruth Dreifuss. Die Nichtwahl von Brunner hatte sich im März desselben Jahres ereignet. «Das Private ist politisch!», zitierte die Autorin gleich im ersten Satz das Statement der 68er-Generation, das bewegte Frauen schon bald gegen ihre linken Macker wendeten. Wie politisch das Private auch sein kann, darum gings in der Analyse, respektive: Weshalb durfte Dreifuss und Brunner nicht? Vier Seiten weiter vorne, nämlich an zweitprominentester Stelle, bot die Sex-WOZ Handfestes. Bericht eines Schweizer Homosexuellen zu seinen erotischen Erlebnissen in Kairo: «Sie alle sind bedeutend angenehmer, wenn Du ein Bakschisch springen lässt, und Du hast weniger Mühe, Deine Zeit statt im Kinosaal auf der Toilette zu verbringen, wo’s schwer abgeht, vom harmlosen Pissrinnen-Wixen übers Blasen bis hin zum Ficken sur place.» Dass der anonyme Autor dem Sextourismus huldigte und erst am Schluss noch die Kurve kratzte, was die HIV/Aids-Thematik anbelangte, mutet, zumindest retrospektiv, etwas seltsam an. Auch komisch ist, dass die Papst-WOZ (Juni 2004) nur so vor Sex strotzte. Aber so wie das Private, bleibt eben auch das Religiöse politisch.

Wer mehr heissen Stoff lesen will, kann eine Kopie der kompletten Sex-WOZ von 1993 bestellen (5 Franken, inkl. Porto). Senden Sie eine E-Mail mit Ihrer Adresse und dem Betreff «Sex-WOZ» an woz@woz.ch, oder rufen Sie uns an: 044 448 14 14.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch