Nr. 19/2006 vom 11.05.2006

Verstehen

Von Ignacio Ramonet

Dank der engagierten Zusammenarbeit der tageszeitung und der WochenZeitung erscheint heute in Deutschland und der Schweiz eine fast vollständige Übersetzung von Le Monde diplomatique. Die deutschsprachigen Leser werden sich die berechtigte Frage stellen, um was für eine Zeitung es sich handelt und was sie in einer Welt der explosionsartig sich vermehrenden Medien von der übrigen Presse unterscheidet.

1954 von Hubert Beuve-Méry gegründet, ist Le Monde diplomatique die Monatszeitung für internationale Politik mit der weltweit höchsten Auflage (230.000 Exemplare). Aber dies sagt noch nichts aus über unser journalistisches Ethos. Man könnte sagen, daß wir uns bemühen, eine andere Sichtweise zu wahren. Und hinzufügen, daß wir unsere Leser grundsätzlich für mündig und gebildet halten. Wir teilen mit ihnen den leidenschaftlichen Wunsch nach Wissen und Verstehen. In einer Welt, die von großen Beben erschüttert wird - Fall der Berliner Mauer, Golfkrieg, Zusammenbruch der kommunistischen Macht in der UdSSR, Ende der Apartheid oder Nahost-Friedensprozeß. Aber der Planet ist auch gefährdet durch Armut, Umweltzerstörung, Finanzspekulation, Migrationen, Anwachsen von Nationalismus und Rassismus, Triumph der Fernsehkultur, Preisgabe des Südens, neue Spannungen im Mittelmeerraum...

Die Artikel sollen sich durch Charakter und Festigkeit auszeichnen. Die vorhandenen Mißstände und Ungerechtigkeiten erinnern uns ständig von neuem daran, wie wichtig es ist, am Begriff des Engagements festzuhalten - für Gleichheit, soziale Gerechtigkeit, Toleranz, Solidarität und Demokratie. Manche werfen uns vor, für uns sei Journalismus ein neuer Humanismus, und sie haben nicht einmal unrecht, denn der Mensch bleibt der Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Gibt es eine "Methode Monde diplomatique"? Nein, aber einige Prinzipien. Zum Beispiel nie Interviews zu veröffentlichen, diese häufige Faulheit des modernen Journalismus; nicht hinter "großen Namen" herzulaufen, die man in vielen anderen Publikationen lesen kann; unsere Spalten sowenig wie möglich den Politikern zu öffnen (und vor allem nicht jenen, die die Macht ausüben und überall zu Wort kommen); nicht zu akzeptieren, daß "Aktualität" vom Fernsehen und den anderen großen Medien definiert wird...

Arroganz? Wie soll man denn anders seinen logischen Verstand bewahren, wenn einem permanent das Getöse der im Scheinwerferlicht stehenden Journalisten und Politiker entgegendröhnt, die gemeinsam diese neue Macht aus Politik und Medien bilden? Wie soll man sich anders vor dem unablässigen Trommelfeuer von Umfragen aller Art schützen, die mit der Geburtszange eine trügerische "öffentliche Meinung" ans Licht zerren? Bei Le Monde diplomatique schätzen wir das fruchtbare Schweigen der Vernunft, die Ruhe und Abstand braucht, um nach und nach die Heftigkeit der Dinge zu erfassen.

Journalisten, Professoren, Bildhauer, Schriftsteller aller Länder finden sich auf den Seiten von Le Monde diplomatique; sie bieten eine komplexe, globale, nicht-eurozentrische Sicht einer mit jedem Tag enger verflochtenen Welt. In einer klaren, für alle verständlichen Sprache vermitteln sie kompetent und voller Empathie ihr Hintergrundwissen über eine vor Ort erlebte Realität. Sie helfen uns, einen "Sinn" zu finden und jene obskurantistische Auffassung zu überwinden, alles sei unübersichtlich, die Welt sei absurd.

"Nicht jammern, nicht lachen, nicht hassen, sondern verstehen", sagt Spinoza. Wir bei Le Monde diplomatique glauben, daß eine der Funktionen der Presse tatsächlich die ist, den geschichtlichen Moment, den wir durchleben, besser zu verstehen. Verstehen befreit, macht uns erst zu Citoyens. Um dieses zerbrechliche und oft ephemere Gut besser zu verteidigen: die Demokratie.

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