Nr. 04/2006 vom 26.01.2006

Übungen im Zuhören und Weghören

Von Christoph Keller

Unser alltäglicher Rassismus - Tagebucheinträge 1 bis 70

11.6.1991

1. Heute im Neunertram ab Bellevue. Am Sitz vor mir klebt ein handgeschriebener Zettel: «Tamilen raus!» / 2. Gegen Abend auf Wohnungssuche. Nach der Besichtigung einer Wohnung fragt mich der Vermieter wie selbstverständlich, ob mich die vielen Türken im Basler St.-Johann-Quartier nicht stören würden. / 3. Als ich zu Hause ankomme, spricht mich im Treppenhaus eine Nachbarin an. Sie möchte nicht, dass Türken einziehen in meine Wohnung, die frei wird. Wegen des Lärms, weil «die» dann wieder zu fünft wohnen in einer Zweizimmerwohnung. Und meine Nachbarin beteuert: Sie habe nichts gegen Türken. / Notizen der letzten Tage (hängen gebliebene Sätze):

4. Ein Freund wohnt seit kurzem in einer billigen Wohnung, ganz ohne Komfort. Nach einem Zögern sagt er: «Wie ein Türk wohne ich jetzt.» / 5. Im Zug zwei Frauen, unterhalten sich über den Schwiegersohn der einen. «Ein Jud ist er eben», zischelt die andere.

23.6.

Das Ohr wird Richtmikrofon für Gespräche im Tram zwei Sitzreihen vor mir oder Lauschtrichter für Wortfetzen in der Kneipe am Nebentisch, achtlos dahingeredet und dingfest gemacht. Das Auge - Weitwinkel, für bestimmte Situationen geschärft. Die lasse ich nachher im Kopf nochmals ablaufen zur Kontrolle: / 6. Ich ertappe mich dabei, wie ich in einer Diskussion sage: «Das Ganze ist meiner Meinung nach getürkt.» / 7. Im Tram setzt sich eine Filipina neben eine Schweizerin. Die Schweizerin steht auf und wechselt den Platz. / 8. Alle Franzosen seien Faschisten, versucht einer an der Bar seinen Kumpel zu überzeugen. Als der widerspricht, wird der andere deutlicher: «Restlos alle Franzosen sind Faschisten!» / 9. Ein Kollege: «Dieser wiegende Gang der afrikanischen Frauen wirkt auf mich einfach unheimlich erotisierend.» Das sagt er mir «im Vertrauen». / 10. Eine Freundin, so nebenbei. «Sie ist Deutsche, aber nett.»

13.7.

Wanderung mit R. über den Weissenstein, sattgrüne Wiesen, kühler Wald. Wir gehen gemächlich. R. meint, das schleiche sich ein, Anspielungen, Witze, abschätzige Bemerkungen über Fremde, gesprochen am Nebentisch, unter Ladentüren und Haustüren, im Vorbeigehen, im Zug und unerwartet mitten in einer Unterhaltung mit Freunden oder Bekannten. Dass er früher Unbekannte öfter zur Rede gestellt habe, im Stil «Sag das noch einmal», langwierige Diskussionen geführt habe mit Sprücheklopfern bis spät nach Polizeistunde, dass er heute in diesem Punkt nachlässig geworden sei: Das habe nicht nur mit der Angst vor den Reaktionen zu tun, sagt R. (kürzlich wurde ein Bekannter von R. zusammengeschlagen, weil er einen Tamilen gegen pöbelnde Skinheads in Schutz nahm). Es sei auch nicht Gewöhnung, Billigung, sondern so etwas wie Ermüdung. Es sei schon viel, sagt er, wenn man sich überhaupt noch ärgere.

Freunden und Bekannten gegenüber, fährt R. fort, werde übrigens keine Nachsicht geübt. Je stärker wir «bei den anderen» - will heissen: in der Öffentlichkeit, in den Medien - die verschiedenen Formen von Rassismus wahrnehmen, desto genauer schauen wir uns «im Privaten» gegenseitig aufs Maul. Die Entschuldigung, eine rassistische Äusserung sei «ein Ausrutscher» gewesen, gilt nicht.

Anschlussfrage: Woher kommen diese Ausrutscher? / 11. Ein Afrikaner geht im Zug an einer Gruppe Rekruten vorbei. «Lange nicht mehr gewaschen, he?», ruft ein Soldat ihm nach. Gelächter im Abteil. / 12. Rätselraten am Stammtisch: «Warum haben die Neger weisse Handflächen?» Antwort: «Als Gott sie schwarz machte, gingen sie noch auf allen Vieren.» Grölendes Lachen.

13. Am Fernsehen die Meldung: «Die Konferenz wurde mit einer für die Spanier unüblichen Effizienz vorbereitet.» / 14. Ein chilenischer Freund wurde von einer Gruppe Schweizer zusammengeschlagen. Achselzuckend sagt er: «Es war nicht das erste Mal.» / 15. Mein türkischer Nachbar berichtet, er sei angepöbelt worden, auf offener Strasse. Auch er sagt: nicht weiter schlimm. / 16. Mehr geärgert habe er sich darüber, dass ihm jemand kürzlich Hundescheisse in den Milchkasten gelegt habe.

17.8.

17. Aus dem Duden, Ausgabe 1991: «Rasse, die; -, -n (franz.); die weisse, gelbe, schwarze, rote -; Rassehund». In einer anderen Ausgabe (sinn- und sachverwandte Wörter 1972) heisst es: «Rasse: deren Angehörige eine schwarze Hautfarbe haben: schwarze/negride Rasse, Neger, Afrikaner, Schwarzer, Mohr, Nigger (abwertend), Farbiger». Und weiter: «Japs (umgangssprachlich, abwertend)» oder: «Schlitzchinese (scherzhaft, abwertend)». / 18. Auf «Rassendiskriminierung» folgen: «(die; -), …forscher, …forschung, …frage, …gesetz, …hass, …hetze, …krawall, …kreuzung, …kunde (die; -), …merkmal, …mischung, …problem, …trennung, …unruhen (Plur.)». / 19. Man sagt auch: «ein rassiger Typ.» / 20. Oder: «Das ist für mich ein spanisches Dorf.» / 21. Der Mohrenkopf. / 22. Im Militärjargon heisst Büchsenessen «gestampfter Jud». / 23. Am Nebentisch sagt einer: «Ich weiss nicht, wie er das macht. Irgendwie hat er es im Blut.» / 24. «Ja, ich glaube schon, dass dieses Gefühl für den Rhythmus vererbt ist», meint sein Gegenüber. / 25. Aus einem Reiseführer: «Die Türken sind ein gastfreundliches Volk.» / 26. Aus einem Reiseangebot: «Entjungfern Sie die Dörfer Ostanatoliens!» / 27. «Erleben Sie den jungfräulichen Urwald Malaysias», heisst es in einem weiteren.

Eingefuchste, unspektakuläre, tagtäglich wiederholte Floskeln und Formulierungen, scheinbar harmlose Sprüche - stille Anschläge. Wörter und Sätze, die nicht explodieren wie Molotowcocktails. Wir haben sie in der Schule gelernt, Sprachmaterial aus dem Alltag und für den Alltag. Dass ein Urwald jungfräulich sein kann, dass es die Türken gibt und die Chinesen. Gelernt wurde auch die Möglichkeit, Wörter zusammenzufügen, etwa Buschneger, Graslandindianer, Rothaut, aber auch Alpenkalb, seit neuestem Flüchtlingswelle oder Flüchtlingsstrom oder Wirtschaftsflüchtling. Das prägt sich ein, weil die zusammengefügten Wortteile zusammenkleben ohne Zwischenraum. Das eine vom andern wieder abzuspalten, ist schwierig; je metaphorischer sie sind, desto glatter gehen sie von der Zunge. Und hat man hundertmal «Flüchtlingswelle» gehört und gesagt, klingt «Welle» noch nach, auch wenn man nur «Flüchtling» sagt oder hört. Deutsche Wörter, die es einmal gegeben hat (und die immer noch möglich sind): «das Erbkrankennachwuchsgesetz», «der Unfruchtbarzumachende», «der Pflegeanstaltsleiter». Wörter, die sich hartnäckig halten: In der neuesten Ausgabe des Duden gibt es das Verb «türken» noch immer («umgangssprachlich für vortäuschen, fälschen»).

Vorschlag von M.: Den Begriff «Rasse» für die Bezeichnung von Menschen gänzlich abzuschaffen, seinen Gebrauch unter Strafe zu stellen, weil jeder Hinweis auf biologische Differenzen diskriminierend sei. Folgerichtig müsse auch das Wort «Rassismus» ersetzt werden, weil auch dieser Begriff auf Aussehen und Hautfarbe verweise, also immer auch auf die äusserlichen Unterschiede, die die Rassisten zum Anknüpfungspunkt für ihre Propaganda machen. Fraglich sei überdies, ob die heute gängige Form des Rassismus überhaupt noch mit Kategorien von «höherer» oder «niedriger» Rasse hantiere. Die Botschaft eines «modernen Rassismus» in den politischen Programmen rechtsbürgerlicher Parteien begnüge sich doch mit der Argumentation: «Wir haben gar nichts gegen fremde Völker und Kulturen, solange die Fremden dort bleiben, wo sie hingehören, nämlich die Türken in der Türkei, die Senegalesen in Senegal und die Tamilen auf Sri Lanka.»

8.9.

Notizen aus meinem Quartier:

28. Ein italienischer Jugendlicher auf dem Pausenhof: «Morte ai turchi!», ruft er und rennt davon. / 29. Ein Schweizer Nachbar zieht in ein anderes Viertel. Er sagt, er sei nicht der Einzige, der finde, in den Kleinbasler Schulen habe es zu viele Ausländerkinder. / 30. Zwei Frauen vor dem Coop. Sagt die eine: «Die meinen einfach, mit uns Schweizern könne man alles machen.» / 31. «Ich will nicht, dass die Türken bei mir im Laden herumstehen», sagt der libanesische Spezialitätenhändler, der vor kurzem einen italienischen Spezialitätenladen übernommen hat. «Sonst meint meine italienische Kundschaft, aus dem Laden sei ein Türkenladen geworden.» / 32. Neuer Mauerspruch: «Los españoles son los mejores.» / 33. «Ich bin froh um die Türken», sagt ein Bekannter. «Sie machen unser Quartier irgendwie lebendig.» / 34. Der Velomechaniker schimpft: «Immer die Türken mit ihren Velos - basteln dran rum, machen sie kaputt, und dann meinen sie, ich könne ihnen helfen, gratis natürlich! Immer gratis!» / 35. Im Tram sagt ein Mann zu einem Brasilianer: «Du kommst also hierher, verdienst dir dein Geld und gehst nachher zurück nach Brasilien, um mit den Hüften zu wackeln!»

23.9.

Es sitzt tiefer, als man annimmt. Vorgestern, als der türkische Hauswart das Treppenhaus in Ordnung brachte und ich im Vorbeigehen sah, dass er alle Treppen mit nur einem Kübel Wasser aufgewaschen hatte - das Treppenhaus stank nach der schwarzen Brühe -, ging mir wie ein Blitz durch den Kopf: Die haben eben andere Vorstellungen von Sauberkeit als ich. Gesagt habe ich nichts, obwohl ich den Hauswart so gut kenne, dass ich mir eine Bemerkung hätte erlauben können. Heute morgen werde ich beinahe umgefahren. Ein Auto schneidet mir den Weg ab, ich kann mit dem Fahrrad nur noch aufs Trottoir ausweichen, will fluchen wie immer in solchen Situationen, laut und hemmungslos, einen Tritt gegen den Kotflügel - und halte mich im letzten Augenblick zurück. Im Wagen sitzt ein Libanese. Er kurbelt das Fenster herunter, entschuldigt sich nicht einmal, sondern schimpft, ich soll nicht so aufgeregt tun, es hätte ja genügend Platz gehabt für beide. Ich bleibe höflich erbost. So kann auch Freundlichkeit rassistisch sein.

Nachtrag zu den Quartiernotizen:

36. Eine Freundin erzählt, der Nachbar in ihrem Haus, ein Italiener, der schon seit 21 Jahren in der Schweiz wohnt, habe ihr kürzlich gesagt: «Schön ist es in Kleinbasel. Aber viele Ausländer gibts.» / 37. Das Gleiche sagt der italienische Coiffeur, der seit 1962 in der Schweiz lebt.

7.10.

Interviewtermin bei Herrn L., dreiundfünfzig Jahre alt und Mitglied bei einer rassistischen Partei. Er empfängt mich in einer aufgeräumten Stube. Der Vater war Schreinermeister, ist früh verstorben, die Erziehung war streng katholisch. Herr L. arbeitet, seit er sechzehn Jahre alt ist, streng, aber jetzt habe er sich eine Position erarbeitet: Alles habe er sich selber erschaffen müssen, betont er, untendurch habe er müssen, ja. Pünktlich sein am Arbeitsplatz ist für Herrn L. eine Tugend. Er geht selten aus, trinkt nicht; während unseres Gesprächs lacht er nicht ein einziges Mal. Herr L. sagt, er sei froh, dass in seinem Betrieb praktisch keine Türken arbeiten, die könne man zum Glück nicht brauchen für die Arbeit in der chemischen Industrie. Da sei eben strikte Disziplin gefragt, Einhaltung der Vorschriften und so weiter. Disziplin ist wichtig für Herrn L., er ist strenger Befürworter von Zucht und Ordnung, auch im Militär. Seit die Fremden in seinem Quartier eingezogen sind, ist für ihn die Ordnung durcheinandergeraten, jetzt setze diese zersetzende Durchmischung ein, sagt Herr L., denn «ein Volk ohne Nationalstolz ist ein totes Volk». Herr L. kann sich nicht vorstellen, dass andere anders denken als er: «Jeder Mensch ist ein Rassist», behauptet er. Als ich ihn frage, ob er Kontakt habe zu Ausländern, wehrt Herr L. ab: Das könne ich von ihm nicht verlangen, er gehe den «Konfrontationen mit Messerstechereien» aus dem Weg. L. sagt, das grösste Problem mit den Ausländern sei, dass sie sich nicht anpassen können.

Versuch einer Lesart:

Es könnte sein, dass Herr L. sich hat anpassen müssen. Deshalb gehen ihm auch die Ausländer dermassen auf den Geist: Sie tun gerade das nicht, was von ihm ein Leben lang gefordert wurde und was er sich selber auch immer abverlangt hat: nämlich Pünktlichkeit, Disziplin, Ordnung. Das können die weniger angepassten Ausländer von ihm, dem Angepassten, nicht verlangen: dass er Kontakt habe mit ihnen. Für Herrn L. bedeutete dies den sicheren Untergang («Messerstecherei»); seine innere Ordnung geriete durch diesen Kontakt durcheinander. Damit wäre auch die Einhaltung von Vorschriften im Betrieb durch den Arbeitnehmer L. in Gefahr - genauer: die Position von Herrn L. im Betrieb, die er sich selber hat erschaffen müssen.

29.10.

Also sind «die Ausländer» schuld für (Auswahl): die fehlende Selbständigkeit in der Arbeit; die abhanden gekommene Individualität; die prekäre wirtschaftliche Situation, die die Zukunftsaussichten unsicher macht; die schmutzige Luft und die Staus in den Strassen; die hohen Mieten; die Liebe, die nicht klappt; den Chef, gegen den man nicht ankommt? Und in der Wut gegen «die Ausländer» äusserte sich demnach nichts anderes als die eigenen, unterdrückten Bedürfnisse - Bedürfnisse nach sicheren Renten, nach sauberer Luft, nach angemessenen Mieten? Also Erwartungen an das Leben, die immer wieder usurpiert, zerstört werden, und zwar gerade nicht von den so genannten Fremden, sondern von den herrschenden Verhältnissen - zum Beispiel:

38. Die Papeteristin möchte, dass ich eine Reportage schreibe über die Türken, «die die Cafés im Quartier in Beschlag genommen haben». / 39. «Es ist unsicher geworden im Quartier mit den vielen Ausländern», sagt eine Dame im Treppenhaus. Ich soll die Haustüre gut zusperren. / 40. Im Zug diskutiere ich mit einem älteren Mann über die europäische Integration. Barsch sagt er plötzlich: «Sehen Sie, die EG wird uns nur eines bringen: noch weniger Renten für die Alten, noch mehr Umweltverschmutzung und vor allem noch mehr Ausländer.»

Eigentlich möchte die Papeteristin auch einmal gerne am Nachmittag einen Kaffee trinken gehen. Eigentlich möchte sich die Dame im Treppenhaus auf dem Nachhauseweg sicher fühlen. Eigentlich wünscht sich der ältere Mann im Zug ganz allgemein eine Zukunft ohne permanente Umstürzung der Verhältnisse.

8.11.

Beim Blättern in Fotoalben: Es gibt ein Foto von mir, als ich etwas mehr als ein Jahr alt war, aufgenommen vor unserem Haus in Andeer: Ich stehe mit dem Rücken zum Gartenzaun, und von hinten hält mich ein italienischer Arbeiter, der in der Baracke neben unserem Haus wohnte - auf dem Bild ist sie teilweise sichtbar. Der Italiener lacht, und auch seine Kollegen im Hintergrund lachen. Es ging darum, ein Foto zu machen: er mit mir, und alle wollten das Bild, auch meine Mutter, die die Kamera hielt. Nur ich wollte nicht, weinend, die Hände emporgehoben, versuchte ich mich loszureissen. Der Italiener hielt mich zurück für den Sekundenbruchteil, bis der Auslöser klickte - dann liess er mich los, das lässt sich gut herauslesen aus dem Bild. Aber meine Mutter schrieb als Legende zu diesem Bild ins Fotoalbum: «Für Italiener habe ich einfach keine Sympathien, und der Kerl soll mich auf der Stelle loslassen!» - Sie schrieb mir also eine Abneigung gegen eine bestimmte Nationalität zu, lange bevor ich das Wort «Italiener» auch nur hätte aussprechen können.

Erinnerungen, spontan notiert:

41. Gängige Wörter am Familientisch: «herumzigeunern», «Zigeunerpack», «Tschinggen», «Spaghettifresser», «Schlitzaugen», «Jugos». / 42. Nach dem Scheissen hat mein Vater ab und zu gesagt: «Ich habe einen Neger abgeseilt.» / 43. Oder es hiess: «Der ist wie der Jud. Schickt man ihn weg, kommt er durch den Hintereingang wieder rein.» / 44. Mein Globibuch, in dem der lustige Globi die Indianer zum Narren hält. / 45. Als Kinder sangen wir im Auto: «Ich bin en Italiano und spile guet Piano …»

15.11.

Zurück von einer Reise durch Frankreich. An den Hauswänden des Provinznestes Châtillon-sur-Seine, wo ich zuletzt übernachtete, prangen Sprüche wie «Les juifs aux fours» - dutzendfach. Niemand hat sie weggewischt. In Paris das Schaufenster einer antirassistischen Organisation: Flugblätter, Broschüren gegen den Fremdenhass in der Auslage. Und mitten in der Scheibe ein Einschussloch.

Schweizer Erlebnisse:

46. An der Tür eines Zürcher Restaurants das Schild: «Ausländer nicht zugelassen.» / 47. Im Zug Basel-Zürich eine Gruppe von Fünfzehnjährigen. Sie erzählen sich laut die neuesten Judenwitze. / 48. Auf der Rückfahrt am Abend eine Gruppe von Glatzen: «Was sollen wir heute tun: Tamilen klopfen oder Schwule klopfen?», rufen sie durch das Abteil. / 49. Vor mir im Tram setzt sich ein Afrikaner. Der Schweizer neben mir beginnt demonstrativ zu schnuppern. / 50. Krankenbesuch. Im Spitallift meint ein Patient: «Ja, auch die ausländischen Krankenschwestern sind nett.»

Übung im Weghören für Fortgeschrittene: Im Zug, als die Fünfzehnjährigen drei Sitzreihen weiter vorne beginnen, Judenwitze von sich zu geben, laute, heruntergehaspelte Sätze, gefolgt von nervösem Gelächter, steht keiner der Mitreisenden auf, um sie zur Rede zu stellen. Auch ich bleibe sitzen, warte buchstäblich, bis es aufhört. Es geht aber weiter mit den Witzen, und ich überlege mir, ob ich nicht den Platz wechseln soll, ich äuge ins Nichtraucherabteil hinüber: alles besetzt. Die Viertelstunde bis Basel wirst du auch noch aushalten, sage ich mir und wechsle Blicke mit dem Mann vis-à-vis, der wie ich die Zeitung liest. Beinahe gleichzeitig ziehen wir die Augenbrauen in die Höhe als Zeichen des Einverständnisses; dann lesen wir weiter. Die Frau auf der anderen Seite des Mittelgangs zieht sich den Kopfhörer ihres Walkmans über die Ohren, kopfschüttelnd. Einen Augenblick lang stelle ich mir vor, dass ich eingreifen könnte. Aber es fällt mir nicht ein wie. Je lauter es wird, drei Reihen weiter vorne, desto krampfhafter versuche ich mich auf meine Zeitung zu konzentrieren. Kurz vor Basel gibt es im Abteil nur noch das Gegröle der Gruppe - jetzt sind sie bei den Tamilenwitzen! Eine Demonstration ist das jetzt, eine Provokation. Aber wir anderen spielen schweigende Mehrheit, schauen ungeduldig aus dem Fenster. Einige stehen viel zu früh auf, ziehen ihre Mäntel an.

51. Abendnachrichten: Der Bundesrat verurteilt die jüngsten Übergriffe auf Asylbewerber. Er, der Bundesrat, werde angesichts des zunehmenden Unmuts in der Bevölkerung mit aller Härte an seiner bisherigen Politik festhalten und abgewiesene Asylbewerber sofort ausser Landes schaffen lassen. / 52. Mauerspruch: «Ich bin stolz ein Schweizer Autofahrer zu sein.» / 53. Mauerspruch: «Flüchtlinge bleiben, Faschos vertreiben.»

26.11.

Verdichtung zu kulturellen Stereotypen:

54. Werbung für Floralp-Butter. Ein Schwarzer beisst in einen mit Butter bestrichenen Gipfel. «Butter is beautiful», lautet die Bildlegende. / 55. «200 Liter Benzin, 2 Übernachtungen, 4 Teller Spaghetti, 4 Tiramisù, 2 Flaschen Chianti, 8 Espressi, 7 Gelati, 3 Kartengrüsse. 1 Karte» (Eurocard Switzerland, Werbung mit einer Italienreise). / 56. Werbung für Schweizer Käse. «Statistik beweist: Mit jedem Teller Pasta verschwindet ein Stück Urschweiz. Sbrinz und Pasta!» Auf dem Bild eine italienische Familie - alle dick, alle rund, alle lachend. Beim Spaghettiessen. / 57. «Er ist engagiert - und Sie? Kanga Duta ist ein Indianer, der mit der Weisheit seiner Vorfahren lebt. Ein hoher Anspruch, der auch für Origin grosse Bedeutung hat» (Origin, «The human resource for software projects»). / 58. NZZ-Eigenwerbung. Abgebildet ein Spatz. Daneben der Spruch: «Einheimischer - Jahresaufenthalter - Saisonnier?» / 59. Abgebildet ein weisser, blonder Knabe, an seiner Seite je ein schwarzes und ein gelbes Mädchen («United Colors of Benetton»).

Oder (herausgerissene Zeitungsartikel):

60: «Zwei türkische Asylanten missbrauchen 24-Jährige» («Blick»). / 61. «Die Koreaner kommen» (Automobilbeilage). / 62. «Polizei beschlagnahmte Heroin für 1,5 Mio und schnappte 5 Ausländer» («Blick»). / 63. «Ausländer-Konzentration nicht vermeidbar» («Basler Zeitung»). / 64. «Fremdenhass passt schlecht zum Touristenland Schweiz» («Blick»). / 65. «Messerstecherei unter Türken» («Blick»).

3.12.

Weitere Notizen in diesen Tagen:

66. In der Tagesschau ist wieder die Rede von «illegalen Flüchtlingsströmen». / 67. Eine Kollegin, die sich für Flüchtlinge engagiert, bekommt wieder anonyme Briefe. / 68. «Ich meide seit einiger Zeit die anderen Ausländer im Betrieb und arbeite nur noch mit den Schweizern zusammen», sagt mein chilenischer Freund. «Da weisst du wenigstens, woran du bist.» / 69. Einem kurdischen Intellektuellen wird das Geld für einen weiteren Deutschkurs gestrichen. «Sie können genug Deutsch, um in der Küche zu arbeiten», heisst es zur Begründung. / 70. Am Nebentisch: «Dann habe ich diesem Knoblauchfresser gesagt: Hier in der Schweiz wird gearbeitet. Und wenn wir arbeiten, arbeiten wir richtig.»

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