Nr. 14/2006 vom 06.04.2006

Bankverein nimmt Pop und Jazz herein - MusikerInnen nehmen Stellung

Diskussion und Stellungnahmen

Von Jürg Solothurnmann

Das WoZ-Interview über die Sponsoring- und PR-«Philosophie» des Schweizerischen Bankvereins sorgte für Schlagzeilen und verursachte in der MusikerInnen-Szene und in Bankenkreisen einen Wirbel. Von der WoZ aufgefordert, griffen mehrere MusikerInnen zur Feder und nehmen Stellung. Gleichzeitig äusserte sich auch die oberste Etage des Bankvereins. In einem Brief distanzierten sich der Vorsitzende der Geschäftsleitung sowie der stellvertretende Direktor des Bankenkonzerns von ihrem Mitarbeiter (Bodmer gab das - nota bene autorisierte - Interview in der Funktion als Zuständiger für PR-Aktionen und Sponsoring. Er war Mitglied der Generaldirektion des Bankvereins). Bodmers deutliche Offenlegung der PR-Strategie des Bankvereins kostete ihn den Kragen. Er wurde letzte Woche vom Bankverein entlassen, was jedoch die PR- und Sponsoring-Aktivitäten des Bankvereins kaum verändern wird.

Raff ich’s heute nicht, so rafft er’s morgen

In der Schweiz ist bekanntlich jeder frei zu sagen, was er denkt - wenn er bereit ist, die Konsequenzen zu tragen. Viele der von Ihnen angeschriebenen Künstler werden vermutlich nicht antworten, oder nur ihre offizielle Meinung kundtun. Denn: Wer verbaut sich schon gerne eine mögliche Chance von morgen? Eine unangenehme Meinung zu vertreten kann teuer kommen, noch weitaus teurer aber, sie auch konsequent zu leben. Sogar in den Augen der Opportunisten sind konsequente Leute Spielverderber. Und Jazz- und Rockmusiker haben nicht einmal Berufsverbände, die für sie eintreten, wenn ...

Der Einzelkämpfer ist wieder «in». Solidarität ist zurzeit wenig gefragt, ist vertagt infolge mangelnden Interesses und fehlender Rentabilität. (Ideale zu haben, ist ja immer leichter, wenn es sich lohnt.) Ja, die Musiker schimpfen zu Recht über die bestehenden Missverhältnisse. Andererseits wagen es nur wenige, nein zu sagen, wenn ihnen eine Hand, die sie gerade füttert, nicht passt. Sie werden ja auch selten genug gefüttert. Man glaubt, es sich nicht leisten zu können. Zweitens sind auch sie sicherheitsbewusste Schweizer, und drittens: Würde ihre Verweigerung denn überhaupt zur Kenntnis genommen? Wenn Geld stinkte, sie nähmen es mit Handschuhen und Gasmaske. Aber diese Ohnmacht leistet auch anarchischen Haltungen Vorschub.

Auch vor den Künsten hat der Leistungsdruck nicht haltgemacht. Musik passiert heute handwerklich und ausrüstungsmässig auf einem hohen Niveau. Das ist eigentlich ein Full-time-Job. Dem professionellen Musiker bleibt nichts anderes übrig, als Geld zu nehmen, wo er’s kriegt. In Bern wird man dazu offen aufgefordert: Stadt und Kanton verdoppeln Beiträge, die man von Sponsoren aufgetrieben hat. Wer also nichts hat, der kriegt nichts. Juhee, das grosse Preisspringen, ist eröffnet! Jeder gegen jeden. Raff ich’s heute nicht, so rafft er’s morgen ...

Und zusätzliche Spannung schaffen die Glaubenskriege zwischen den verschiedenen Musiksekten, die fleissig geschürt werden von «gläubigen» Veranstaltern und Medienleuten. Wer ist progressiv, wer reaktionär, wer ist kommerziell und wer intellektuell? Wer macht mit Kopf und Händen Musik, und wer sogar mit dem Bauch? Spannend! - Leicht zu lenken, so ein heterogener, verzankter Haufen. Beisst der heute nicht an, dann bestimmt zehn andere morgen ...

Was mich fast erschüttert, ist die forsche Unverblümtheit, mit der Markus Bodmer sein Bankverein-Sponsoring «verkauft». (Er konnte sich natürlich ausrechnen, mit welchen Absichten ihn die WoZ interviewt und trat vermutlich die Flucht nach vorne an.) Entscheidend ist jedoch, dass ganz deutlich wurde, dass der SBV weder aus philanthropischen Gründen so handelt (das ist ja auch so ein Ideal, das man sich nicht leisten kann), noch aus einer plötzlichen Erleuchtung hinsichtlich des besonderen Werts der gesponserten Musik. Das ist einfach eine «neue Linie», ein Werbeträger, auf den Konkurrenten in dieser Weise noch nicht gekommen sind (trotz dem Freiheitssurrogat Saxophon auf dem SKA-Plakat!). Von dieser Linie wird ebenso schnell wieder abgegangen, wenn sich die Investition nicht irgendwie bezahlt macht. Wie ein benutztes Taschentuch wird man Jazz und Rock fallenlassen. Der Jazz - die Mohrenmusik - hat seinen Dienst getan. Siehe Beispiel Newport- resp. Kool-Festival in den USA. Der Sponsor dieses sehr publikumswirksamen Jazzfestivals stieg schlagartig aus, um sich bei den Konsumenten ein anderes Image zuzulegen.

Privates Sponsoring kann eine Alternative zur staatlichen Kulturförderung sein, aber doch wohl nur für Grossveranstalter und attraktive Stars. Beide - Privatwirtschaft und sie - denken in ähnlichen Kategorien: grossen Zahlen und Umsatz. Denn wenn diese neue Praxis des Sponsorings üblich wird und also keine besonders originelle Publicity mehr ist, dann kommen automatisch Einschränkungen in Form von Bedingungen. Man wird sich die Gesponserten genauer anschauen. Ein staatlicher Kulturverantwortlicher - sogar wenn er voreingenommen und uninformiert ist - muss sich an ein Minimum von demokratischen Spielregeln halten. Private können gleich zur Sache kommen, und das tun sie gewiss!

Hier hinkt auch der Vergleich, mit dem Sport-Sponsoring. Sportler liefern Ranglisten und messbare Leistungen. Nackte Zahlen können nicht «links» oder «rechts», «grün» und «unten» oder «oben» interpretiert werden. Kunst schon. Die hat mit Weltanschauung viel zu tun.

Der Gedanke an eine ausschliesslich staatliche Kulturförderung löst bei mir auch kein Glücksgefühl aus. In einem aufgeklärten Staat vielleicht schon. Aber bis jetzt hat noch fast keine Schweizer Körperschaft - weder in Gemeinden und Kantonen, noch beim Bund - eine einigermassen umfassende Perspektive zu bieten, von klaren Akzenten und vorausblickenden Konzepten ganz zu schweigen. Ökologie und Kultur werden sehr wahrscheinlich zwei dominierende Themen der nächsten Zukunft sein. Aber Kultur ist für die meisten immer noch nur eine angenehme Nebensächlichkeit. Das nötige Wissen über die Situation der Künstler fehlt. Würden Vertreter aus Politik und Wirtschaft in anderen Belangen des öffentlichen Lebens eine solche Unbedarftheit und Nonchalance an den Tag legen, sie ernteten Gelächter und Protest. Deshalb wird fast überall weitergeflickt und weitergewurstelt, mit dem einzigen System, dass Kultur von jetzt an möglichst nichts mehr kosten darf. Und wenn man lange genug zuwartet, dann lösen sich die unangenehmen Probleme vielleicht von selber: Die Berner Reithalle wird baufällig, die Bewegten von gestern werden älter und behandeln die Jungen gleich wie sie vorher behandelt worden sind. Der Kreislauf schliesst sich.

Eine mutigere staatliche Kulturpolitik sollte - wenn schon am Slogan «weniger Staat etc. etc.» festgehalten wird - die etablierte Kultur zunehmend privaten Sponsoren überlassen. Stammbesucher von Oper und Sinfoniekonzert gehören eher zur sozialen Schicht, die sich mit dieser Denkart identifiziert. Staatliche Kulturförderung sollte sich dafür der Kultur von morgen annehmen, die man jetzt noch als «alternativ» bezeichnet. Alternativen sind zunehmend nötig. Alternativen - auch in der Kultur(förderung) - erhöhen die Chancen für unser geistiges und physisches Überleben.

Keine Good-News-Konzerte mehr

Das Interview mit Markus Bodmer in der letzten WoZ ist ein arroganter Affront für alle MusikerInnen. Es reicht nicht, dass die Musikindustrie das gesamte Musikgeschehen immer mehr beHERRscht und aushöhlt, nein, jetzt sollen die MusikerInnen auch noch als Werbeträger für die Banken herhalten.

Da gibt es nur eines: keine Good-News-Konzerte mehr besuchen.

Eine saubere Sache?

Konsequent Sponsoring ablehnen ist dann möglich, wenn der Musiker in einem sogenannten Brotberuf genug sauberes Geld verdient und nur bei solchen Veranstaltern auftritt, die ihrerseits nur sauberes Geld annehmen.

Was also ist in Zukunft wo und zu welchen Bedingungen sauber möglich? Schon erklären saubere Veranstalter, sie würden keine Gruppen mehr akzeptieren, die sich sponsern lassen. Ob es saubere Gruppen gibt, die gesponserte Veranstaltungen boykottieren? Ich befürchte, dass viel Kraft letztlich verpuffen wird in demagogischen Investitionen, die polarisierend wirken und die notwendige Solidarität weiter behindern. Eine saubere Sache?

Zur Sache: Am SBB-Schalter in Luzern verkaufte Billette werben seit kurzem auf der Rückseite schwarz auf gelb für das Gelbe Heft, ein Ringier-Produkt. Fahrkarten ohne Aufdruck sind noch am Billettautomaten erhältlich. Helfe ich jetzt mit, einen sauberen Arbeitsplatz wegzurationalisieren, wenn ich am Automaten kaufe? Und: Wie sauber sind Arbeitsplätze bei Automatenherstellern? Soll ich deswegen auf den sauberen PW umsteigen?

Auf Streckenfahrplänen der SBB und auf der Quittung im Speisewagen grüsst die SKA. Trotzdem treffe ich in Intercityzügen mit schöner Regelmässigkeit Leute aus unserer Branche im Speisewagen.

Es gibt Phasen, während denen ich mir den Luxus leiste, mich konsequent gegen Entwicklungen zu wehren, die ich aus ganzheitlicher Sicht ablehne. Spätestens dann, wenn ich im tiefen Tal der Resignation angelangt bin, erkenne ich einmal mehr, dass ich zum Exoten geworden bin für viele, weil ich alleine gekämpft habe. Natürlich die Solidarität ... Utopie oder Illusion?

Ich will weiterkomponieren, mit improvisierenden Musikern weiterarbeiten. Ich brauche Geld.

Letztes Jahr z.B. versuchte ich, eine Profiband mit zwölf Schweizer Musikern zu gründen; kein einziger der angeschriebenen möglichen Sponsoren hat sich positiv dazu geäussert. Ich will das tun, was ich vor mir verantworten kann, die Konsequenzen abschätzen und sie tragen. Auch will ich nicht für einen bestimmten Kuchen arbeiten, sondern ausschliesslich dort, wo Menschen eine Herausforderung suchen. Ich möchte anregen, zum Dialog zwischen Blöcken, Lagern, Ufern, mich vor Vereinnahmung schützen, selber abschätzend und entscheidend. Ich möchte gegen Polarisierungsversuche Sturm laufen, mit- und nicht gegeneinander musizieren. Eine saubere Sache?

PS: Von der Generaldirektion der SBB war zu vernehmen, dass die SKA ab Herbst 87 die Mützen des höheren Fahrpersonals sponsert, um zu verhindern, dass das gekreuzte Essbesteck von den Stirnbändern unserer Skiasse an die Köpfe der Bundesbeamten mutiert. Und SBB-Fahrkarten im Bahnhof Luzern seien ab 1.1.88 konsequenterweise nur noch am LNN-Schalter erhältlich (für Nicht-Eingeweihte: LNN ist auch ein Ringier-Produkt). Und der Tranquilizer gegen meine Ängste, es könnten sich einmal alle solidarisch wehren, ist am Rheinknie auch schon erfunden worden.

Geld an die Öffentlichkeit

Wenn die Banken (oder andere wie Migros) etwas für die Kultur tun wollen, sollen sie das Geld der Öffentlichkeit geben, und die gewählten Behörden sollen das Geld verteilen. Natürlich kompetent und z.B. in Zusammenarbeit mit einem Gremium von KünstlerInnen.

Mich scheisst es völlig an, dass Banken alles benutzen, um ihr Geschäft zu machen. Ich hoffe, ich würde mich bei entsprechender Nachfrage weigern, auf so einem Festival zu spielen oder auf Platten Werbung zu machen. Aber hier liegt das Problem: Alle lechzen so nach Auftrittsmöglichkeiten, dass es vom «Karrieredenken» her natürlich völlig falsch ist, z.B. in Willisau nein zu sagen. Obwohl es natürlich ehrlicher und konsequenter wäre. Aber dazu muss ich meinen Ehrgeiz, meinen Narzissmus überwinden und Musik wirklich wegen der Musik machen und nicht aus tausend anderen Gründen wie beachtet werden, berühmt sein, etc.

Ich denke, im Moment kann ein/e Musiker/in, der/die wirklich von der Musik leben will, nur mit Kompromissen leben. Die anderen werden etwas zweites machen müssen, um ihr Brot zu verdienen, was ich eigentlich sehr gut finde. - Natürlich soll Musik Anspruch auf Autonomie haben - so wie alle unsere Tätigkeiten.

Musiker als Werbelitfasssäule

Eine Frage: Wann wird der Bankverein auch die Musiker, die für das Anlagegeschäft so prima zu verwerten sind, ausgequetscht haben wie eine Zitrone; vielleicht nach dem ersten «Bankverein-Festival»? - Bodmer liess bei diesem Namen den «Jazz» beim «Festival» gleich weg, mit dem Namen wandelt sich der Inhalt der Veranstaltung von «Jazz» zu «Bankverein».

Wut nach dem Durchlesen des Berichts und viele mir offene Fragen: Wo sind die Grenzen zum Opportunismus, wann beginne ich als Werbeträger rumzulaufen? Wie steht es mit der Verflechtung von finanzarmen Veranstaltungen, die auf jeden Besucher angewiesen sind und dem Publikum, welches Musiker halt allzuoft erst nach den Initiationsriten der grossen - eben oftmals gesponsorten - Festivals akzeptiert und den Veranstaltern, die sich dem Publikumsdruck beugen, indem sie nur die «bestandenen» Namen in ihr Programm nehmen? Und unterstützen diese - Publikum und Veranstalter - somit nicht auch indirekt eben dieses Veranstaltungssponsoring? Gibt es eine für den Musiker orientierende Hierarchie der Widersprüche? Gauloise-Gratismuster vor dem Eingang und Rauchverbotsschilder im Konzertsaal, Bankvereinreklame seitlich der Bühne, auf der eine Gruppe südafrikanischer Musiker spielt, staatliche Unterstützung von demselben Staat, zu dem ich in vielen Belangen mein Vertrauen verloren habe, etc. Beim Bankverein scheint es ja offensichtlich zu sein, wann er einen Werbeträger gebraucht - die Fahnenträger der weltlichen und kirchlichen Mächte kommen mir in den Sinn -, aber wie oft bin ich über Sponsoring von Veranstaltungen gar nicht informiert?

Beim Komplementärkontrast der Bankvereinfarbe und dem roten Cover der Hat-Art-Platte bekomme ich allerdings das Flimmern in den Augen ... Und ob die Hat-Art-Platte den Bankverein zum Leuchten bringt oder der Bankverein die Platte, sei dahingestellt. Doch hier auch gleich eine Frage: Die Behauptung, dass ein Musiker erst ernstgenommen wird, wenn er auf Platte dokumentiert ist, stimmt doch noch, oder? Die Möglichkeiten, sich ohne finanzielle Eigenmittel auf einem sogenannt unabhängigen Label verewigen zu dürfen, sind oft schon gering, wie dann reagieren, wenn ein Angebot, eine Platte auf einem Bankvereinlabel zu machen, kommt? Bleibt so einzig der Ausweg, sein Tondokument selbst zu finanzieren und zu produzieren und es danach Stück für Stück auf den wenigen nicht gesponsorten Veranstaltungen anzupreisen - vorausgesetzt, er wird dort ohne Initiation akzeptiert? Wo sind die Grenzen zum Opportunismus, schon beim Entgegennehmen von Geldern oder erst bei der damit verbundenen Verpflichtung, den Geldgeber öffentlich zu nennen? Oder wäre das Bankvereingeld - und die Hat-Art-Platte - akzeptabler, wenn der Bankverein auf sein Signet auf dem Cover verzichtet hätte?

Dies nur einige Fragen aus diesem Teufelskreis. Fragen - beginnt hier schon mein Opportunismus, dass ich als Musiker hier öffentlich nur Fragen stelle?

Herzlose Zerstörung

die haltung, die herr bodmer im interview in der woz vom 6.3. zur schau stellte, kann sich ein rotziger plattenfabrikant am fernsehen (zyschtigsclub 24.3.87) nicht leisten, geschweige denn ein zumindest offiziell erscheinender sprecher einer grossbank.

die haltung ist menschenverachtend und zivilisationszerstörend. es ist dies die cowboymentalität, die kopf- und herzlos zerstörung und verwüstung in kauf nimmt, weil das business so hart sei - es sind aber die macher am drücker, die hart sind.

ich bin überzeugt, dass ein solches sponsoring die kulturlandschaft verwüsten wird, so wie der industrialisierte spitzensport menschen verkrüppelt und die landschaft zerstört, wenn «professionell» gehandelt wird. von der zitronenpresse ist es ein kleiner schritt zur affenschaukel. wenn ich bedenke, dass die im interview abgedruckten aussagen aus einer chefetage einer schweizerischen grossbank kommen, dann verstärkt sich mein eindruck, in einer bananenrepublik zu leben.

Kampf um Autonomie

In meiner langjährigen Berufserfahrung als Jazzmusikerin war und ist es mir heute noch ein wichtiges Anliegen, die Autonomie zu bewahren, d.h. die Vorstellung, meine Platten und Konzertplakate mit Signeten von irgendwelchen Banken oder Industrien zu behaften, steht für mich in absolutem Widerspruch zu der musikalischen Aussage, die ich als frei improvisierende und frei schaffende Musikerin zu verwirklichen versuche.

Somit kann ich nur Unterstützung durch die öffentliche Hand (Stadt/Kanton/Bund), Pro Helvetia und ähnliche Institutionen gelten lassen.

Das ist nicht mit Geld machbar

Für mich muss Musik autonom sein und bleiben, daran kann auch eine Bank nichts ändern (das wäre dann Musik als Business). Es sind meiner Meinung nach andere Einflüsse, die das Autonome in der Musik gefährden. Wahrscheinlich hat das mit mangelndem Selbstbewusstsein der MusikerInnen zu tun. Damit meine ich auch die Frage, wo und wie steht meine Musik in dieser Gesellschaft. Ich will damit nicht sagen, dass der Musiker zum Selbsterfahrungsspezialisten werden soll, sondern dass die persönliche Aussage auf der Bühne konkreter werden sollte.

Mein Wunsch ist es, dass meine Musik auch eine Antwort auf unsere lustlose Konsensgesellschaft gibt, denn ich habe diese Sprache gewählt, macht doch das Verbale uns MusikerInnen sehr Mühe.

Sollte ich jemals Gelegenheit haben, an einem gesponserten Festival zu spielen, ich würde es tun und würde hoffen, dass von all meinen Zweifeln, Ängsten, Nöten, aber auch Freuden und Hoffnungen etwas rüberkommt. Denn als Musiker will und muss man spielen, und ich glaube nicht, dass man sich das Publikum auswählen sollte.

Wäre es nicht wichtiger, das Verhältnis zwischen ZuhörerInnen und MusikerInnen zu verbessern, als zu fragen, woher das Geld kommt für eines dieser privilegierten Festivals, denn der/die MusikerIn ist meiner Meinung nach in dieser Frage viel zu machtlos.

Gerade in diesem Verhältnis spüre ich immer wieder diesen typischen schweizerischen Konsens. Ich wünsche mir eine offenere Haltung auf beiden Seiten, und damit auch mehr Auseinandersetzung. Wo dies noch funktioniert, ist bei den «alternativen» Veranstaltern, denen sogar bewusst ist, dass sie eine Verantwortung tragen, indem sie auch unbequeme Programme machen.

Ein Gedanke beängstigt mich allerdings doch bei dieser Sponsor-Geschichte. Zieht sich die «öffentliche Hand» auf einmal zurück und sagt: «Geht doch zur Bank!» Dann wird’s schwierig, denn die öffentlichen Gelder ermöglichen an vielen Orten (ausser in Bern!) wenigstens die Infrastruktur, und ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Bank daran interessiert ist, Häuser zur Verfügung zu stellen. Das wäre dann wohl wirklich widersinnig, wenn unsere Übungsräume in ausrangierten Tresorräumen wären.

Ich glaube nicht, dass man sich als Musiker reinwaschen kann, denn in der Musik steckt zum Glück noch etwas drin, das man bei der Dichtung Poesie nennt. Und das, so hoffe ich wenigstens, ist mit Geld nicht machbar ...

Vielen Dank für die Auseinandersetzung, ich werde sie weiter verfolgen.

Kulturkommerz oder Kommerzkultur?

Herr Bodmer, seines Zeichens PR-Manager des Schweizerischen Bankvereins, lässt in seinem WoZ-Interview keine Zweifel offen: Kunst, Kultur interessiert ihn nur im Zusammenhang mit dem Image seiner Bank. «Philosophische Betrachtungen» über Kultur, Kulturförderung, Kulturbetrieb oder gar die Existenzbedingungen der Kulturschaffenden stehen nicht zur Diskussion. Es geht hier einzig und allein darum, unsere heiligsten Tempel und Monumente von Tüchtigkeit und Allmacht mittels «son et lumière» zu verklären. Leider ist Herr Bodmer selber kein Meister in dieser Kunst, lässt er sich doch zu profanen Sätzen verleiten wie: «Wir haben das Berner Jazzfestival. Wir sind mit George Gruntz unterwegs. Wir schicken fünf Kammerorchester auf Wanderschaft. Die Ski-Nationalmannschaft pressen wir aus wie eine Zitrone. Das ist freie Marktwirtschaft. Es kann uns niemand vorschreiben, was wir unterstützen sollen. Wenn etwas anstössig ist, kann man es herausnehmen.» Was soll’s?! Die Kultur war den Mächtigen immer für allerlei gut genug. Wo Macht ist, ist Geld, und wo Geld ist, ist Prostitution, Korruption, Menschenverachtung. Aber auch Musik, fröhliche Musik, Show, Spektakel! Und dass die Vertreter von Macht und Herrlichkeit kraft ihrer Potenz nur mit dem attraktivsten bzw. lukrativsten Angebot an Organisten, Dekorateuren, Artisten und Liebedienerinnen zu befriedigen sind, wissen wir nicht erst seit Dürrenmatt. Also: wer will, der kann (wenn er/sie darf)! Und wenn immer möglich unter einer karitativen Etikette wie z.B. «Good news», die Assoziationen zu einer Heilsbotschaft weckt.

Für Kulturschaffende, die sich nicht vor einen x-beliebigen Wagen spannen lassen und die sich nicht dem Meistbietenden verkaufen möchten, sieht die Situation allerdings grundlegend anders aus. Für sie - für mich - ist Kunst, Kreativität untrennbar mit der Frage nach Selbstfindung, Selbstachtung und Menschlichkeit verbunden. Sie kommen nicht darum herum, sich täglich mit einer selbstherrlichen (Männer-)Gesellschaft auseinanderzusetzen, die an Verblendung, Habgier und zynischer Menschenverachtung ständig zunimmt. Ihre Existenzbedingungen entsprechen ungefähr jenen von Wüstenmäusen und Ratten, deren Auftreten in zivilisierten Gegenden als anstössig empfunden wird (siehe oben). Aus den von Herrn Bodmer erwähnten Giesskannen fliessen ihnen in der Regel höchstens einige Tröpfchen zu. Ohne staatliche Kulturbeiträge wären sie schon lange verhungert und verdurstet. Auch von daher gesehen ist eine ernsthafte Kulturdiskussion und staatliche Kulturförderung absolut notwendig.

Kunst ist ja nicht einfach ein Mittel der Unterhaltung und der Verschönerung, Beschönigung. Kunst, Kultur ist immer auch Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, Ausdruck von Freiheit und Widerspruch, aber auch eine soziale Aufgabe. Das gilt in ganz besonderem Masse für eine Demokratie, die nicht einfach zur Diktatur des Kapitals verkommen möchte. Dass sich unter solchen Gesichtspunkten nicht jedes Bank-Signet mit jedem künstlerisch gestalteten Plakat verträgt, versteht sich wohl von selbst.

Der Bankverein schreibt

Sehr geehrte Damen und Herren

Wir beziehen uns auf den am 6. März 1987 erschienenen Artikel unter dem Titel «Bankverein nimmt Pop und Jazz herein» von ihrem Redaktor Patrik Landolt.

Wir sind bestürzt darüber, dass Herr Markus Bodmer, Mitarbeiter in der Abteilung Public Relations bei der Generaldirektion des Schweizerischen Bankvereins in Basel, sich in solcher Form gegenüber Ihrer Zeitung über unsere Sponsoring-Aktivitäten geäussert hat. Weder die Geschäftsleitung unseres Institutes noch der zuständige Abteilungsleiter für Public Relations sind von Herrn Bodmer im voraus über das durchgeführte Interview, das zu zynischen Interpretationen geführt hat, informiert worden.

Wir teilen Ihnen mit, dass wir uns in aller Form von den durch Herrn Markus Bodmer gemachten Äusserungen distanzieren.

Zudem halten wir fest, dass die gemachten Aussagen in keiner Weise unserer Sponsoring-Philosophie entsprechen. Unsere Sponsoring-Aktivitäten sollen einen echten Beitrag zur Kultur- und Sportförderung darstellen, ohne zu bestreiten, dass wir von unseren Bestrebungen auch eine Imageförderung erwarten. Wir denken jedoch nicht immer gleichzeitig daran, mit diesen Massnahmen auch noch zusätzliches Geld zu verdienen. Zu betonen ist weiter, dass es sich in vielen Fällen um Aktivitäten handelt, die keinen oder nur einen geringen PR-Effekt haben, sondern vielmehr einen wohltätigen und karitativen Zweck verfolgen.

Wir bitten um Kenntnisnahme.

Mit freundlichen Grüssen

Schweizerischer Bankverein

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