Die «Prärie»-Seite war die mühsamste, schwierigste und undankbarste Rubrik, die es je gab in der WOZ. Ups, was schreib ich da? Völlig falsch, fangen wir noch einmal an: Die «Prärie»-Seite war die wichtigste, originellste und aufschlussreichste Rubrik, die es je gab in der WOZ. Das stimmt jetzt. So war das.
«Auf der ‹Prärie›-Seite veröffentlichen wir vor allem Communiqués und Stellungnahmen von Gruppen und Einzelnen aus dem linken Spektrum zu aktuellen Themen und Diskussionen», hiess es jeweils in einem Kasten. 1986, als die Zürcher (und die Berner, Basler, St. Galler) Bewegung allmählich im Sande verlaufen war, der wieder oder immer noch unter dem Pflaster lag, beschloss die WOZ-Redaktion, eine Seite der Zeitung sollte fortan all denjenigen zur Verfügung stehen, die nicht resigniert hatten, sondern weiterkämpften, weiterdachten und schrieben. Die Militanten sollten sich dort ungehindert und unzensiert ausbreiten können, ohne Eingriffe durch die Redaktion. Doch wie gelangten die Texte in die Zeitung? Richtig, es brauchte eine «Prärie»-Redaktorin. Der Job bestand darin, «Anlaufstelle» zu sein für die «Gruppen und Einzelnen», deren Texte entgegenzunehmen und sie der Drucklegung zuzuführen. Das Schicksal wollte es, dass ich diese Redaktorin war. Es war eine Stelle zwischen Hammer und Amboss. Dort ist ja nur Luft, und eben das war ich für die «Gruppen und Einzelnen». Ein Nichts, das behauptete, auf einer einzigen «Prärie»-Seite hätten ganz bestimmt nicht 21 000 Zeichen Platz, der Artikel müsse folglich gekürzt werden. Der junge Mann mir gegenüber, der den militanten Text vorbeibrachte, sagte dann beispielsweise mit eindeutig drohendem Ton: «Das haben wir in der Gruppe formuliert! Keine Zensur! Da wird nichts gekürzt! Sonst braucht ihr dann eine gute Versicherung fürs Mobiliar!» Das war die eine Seite, der Hammer. Wenn ich mich hilfesuchend an den Amboss respektive die Redaktion wandte, hiess es: «Die spinnen, sag einfach, dass das nicht geht», und man diskutierte sogleich ein anderes Thema.
Schaut man sich heute die «Prärie»-Seiten wieder an, fällt als Erstes auf: Das sind engagierte (manchmal sehr wild formulierte, manchmal differenzierte) Beiträge von Leuten, die etwas erreichen wollten, die ein breites Spektrum von Anliegen mit Vehemenz vertraten und überzeugt waren, dass sich das Publikum aufklären lässt. Etwa im Text: «Schritte zur männlichen Selbstkritik» (WOZ Nr. 27/89): «Die Soziologie der Männer, das Männerbild in der Geschichte, scheint tabu zu sein. (...) Es ist an der Zeit, dass all diese stillen Befürworter der Geschlechtergleichheit endlich ernsthaft nachzudenken beginnen, wie sie sich aktiv und über ihre vier Wohnungswände hinaus mit dem Männerproblem auseinander setzen wollen.»
Die Debatten über den 1. Mai 1987, als es zu heftigen Konfrontationen zwischen Militanten und Gewerkschaften gekommen war, dauerten bis in den Herbst. In der WOZ Nr. 27/87 beantwortete ein Genosse die Frage: «Ist eine revolutionäre Perspektive in der heutigen Spätphase des Kapitalismus richtig?» Da am 4. September 1987 die Gewerkschaften vierzig Jahre Arbeitsfrieden in der Schweiz feierten, stellten danach verschiedene Gruppen auf der «Prärie» ihre Position zur «Kollaboration der Gewerkschaftsbürokratie mit der Kapitalistenklasse» dar: die Jobbergruppe Wilde Katze, das Komitee gegen Isolationshaft (KgI) und zwei antiimperialistische Gruppen.
Anfang der neunziger Jahre spiegelte die «Prärie» die neuen Themen und Projekte: Mädchentreff und Selbstverteidigung für Frauen, EWR/EG-Debatte, fürsorgerischer Freiheitsentzug für Suchtkranke. Die Szene hatte sich in viele kleine Szenen aufgelöst, die Beiträge kamen spärlicher, und eines Tages hatte sich die «Prärie» überlebt.
Den vollständigen «Prärie»-Artikel über «Schritte zur männlichen Selbstkritik» (WOZ Nr. 27/89) finden Sie hier: Wo Männer sich auskennen
Bis zu unserem Jubiläum im Herbst werden wir an dieser Stelle eine kleine Auswahl der Highlights vorstellen, die in den letzten 24 Jahren in der jeweiligen Kalenderwoche in der WOZ erschienen sind. Diesmal ist Kalenderwoche 27 Anlass zum Rückblick auf die Geschichte einer besonderen WOZ-Seite.
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Die feministische Kritik an einer männerzentrierten Wissenschaft lassen sich mittlerweile einige Männer gerne gefallen. Sie unterstützen sie lebhaft und nennen sich emanzipiert. Den Schritt aber zur selbstkritischen Hinterfragung der historischen und gesellschaftlichen Bedingungen, die den Mann zum Manne machen, wagen die wenigsten. Die Soziologie der Männer, das Männerbild in der Geschichte scheint tabu zu sein. Dieser Beitrag möchte eine Diskussion über die Konstruktion von Männlichkeit in der Gesellschaft anregen.
«Habe mein Volontariat auf der WoZ beendet. War den Dezember über dort. Hat mir gefallen. Klima gesund, d.h. manchmal rauh. (Aber nicht, weil ein Verleger murrt oder die Geschäftsleitung eingreift.) Lohn schlecht, aber genügend. Man wird nicht bewundert, sondern gebraucht. Anregungen den ganzen Tag. Viel schöner Streit, keine Gallenkoliken. Bin gefördert worden, konnte auch paar An-Stösse geben. Fast keine Hierarchie. Trotzdem oder deswegen Kritik (gegenseitig) in der Redaktion; meist von der bekömmlichen Art. Entwicklungsmöglichkeiten.»
Auf der Redaktion einer dezidiert politischen Wochenzeitung ist das Triviale, das Private, das vermeintlich Harmlose das, was allenfalls dann noch aufs Tapet kommt, wenn sich alle bereits erschöpft mit der Zeitung der letzten Woche Luft zuwedeln. Ist auch verständlich: Befasst man sich mit dem Weltgeschehen, das ohne Pause mit absoluter Dringlichkeit nach Aufdecken! Analysieren! Kommentieren! schreit, ist das Private im Vergleich dazu bestenfalls ein «nice to have», etwas, das sich locker auf die nächste Ausgabe schieben lässt, oder die übernächste?
Ausser schwarz war die WOZ in ihren ersten Jahren rot, dann wurde sie gelb, was sie bis heute geblieben ist. Ein einziges Mal aber war sie blau: «Treues WoZ-Publikum! Dies hier ist die WoZ oder genauer; ihre Sonderbeilage zur Presselandschaft Schweiz», hiess es im Editorial der WOZ Nr. 10/02 unter dem Zeitungskopf, der den Schriftzug der «Weltwoche» täuschend echt imitierte - eben im obligaten Blau. Ebenfalls auf der Titelseite hiess es: «Sehr geehrte, leider unbekannte InvestorInnen der Jean Frey AG.
Sie war hart umkämpft, die «F82». Die Schweizer Armee führte in Frauenfeld im August 1982 eine spektakuläre «Wehrschau» durch, eine jener Veranstaltungen im Kalten Krieg also, die dem Feind im Osten die eigene Kampfkraft demonstrieren und die Verbundenheit der einheimischen Bevölkerung mit dem Militär vertiefen sollten.