Nr. 17/2006 vom 27.04.2006

Tschernobyl? Na und

von Lotta Suter

Ein Tschernobyl vor zehn, fünfzehn Jahren, so die These, hätte sich ausserhalb der direkten Gefahrenzone heftiger ausgewirkt. Stärker wären die Ängste gewesen, emotionaler die Reaktionen. Jetzt bestätigen nicht nur die offiziösen Stellungnahmen, dass durch den Unfall im fernen Russland das Energieprogramm der Schweiz nicht touchiert sei. Auch die Passanten in einer Blitzumfrage der «Berner Zeitung» (2. Mai 1986) etwa äusserten sich in der Mehrheit erstaunlich unbesorgt: Uns in der Schweiz kann nichts passieren. Als ob die radioaktiven Wolken irgendwelche Grenzen kennen würden, als ob sie unsere propere Neutralität respektierten. Als ob bei uns alles und auch anders wäre.

Selbst die beziehungsweise wir AKW-GegnerInnen reagieren auf den GAU, der doch so lange beschworen und im politischen Kampf als Utopie des Schreckens gebraucht worden ist, alles in allem recht gelassen - oder soll man sagen müde? Ein paar Packpapiertransparente am 1. Mai: «Es strahlt im Osten wie im Westen, doch keine Angst, die Kaiseraugst AG, die kanns am besten.» Ein paar Individualisten, die fordern, ein Plakat am Rücken, eins am Bauch, die sofortige Stilllegung aller AKWs. Sie sehen, wiewohl sie die offizielle Parole der Anti-AKW-Organisation Gagak vertreten, exotisch aus, etwas verloren auch, erinnern an Max Dätwyler mit seiner weissen Fahne. - In der Schweizer AKW-Region formieren sich jetzt erste Aktionen. Aber nicht so spontan wie 1975 in Kaiseraugst, nicht so bestimmt wie 1977 in Gösgen, kein Atomic Rometsch.

Selbst die beziehungsweise wir AKW-GegnerInnen reagieren auf den GAU, der doch so lange beschworen und im politischen Kampf als Utopie des Schreckens gebraucht worden ist, alles in allem recht gelassen - oder soll man sagen müde? Ein paar Packpapiertransparente am 1. Mai: «Es strahlt im Osten wie im Westen, doch keine Angst, die Kaiseraugst AG, die kanns am besten.» Ein paar Individualisten, die fordern, ein Plakat am Rücken, eins am Bauch, die sofortige Stilllegung aller AKWs. Sie sehen, wiewohl sie die offizielle Parole der Anti-AKW-Organisation Gagak vertreten, exotisch aus, etwas verloren auch, erinnern an Max Dätwyler mit seiner weissen Fahne. - In der Schweizer AKW-Region formieren sich jetzt erste Aktionen. Aber nicht so spontan wie 1975 in Kaiseraugst, nicht so bestimmt wie 1977 in Gösgen, kein Atomic Rometsch.

Ein Teil der Anti-AKW-Bewegung hat sich für Expertisen- und parlamentarische Politik entschieden; dieser Teil wird jetzt auch das Tschernobyl-Unglück auf diese Weise «auswerten»: in Fachhearings und Parlament die Argumente gegen Kaiseraugst verstärken. Darauf hinweisen zum Beispiel, dass der Schweizer AC-Schutz eine «wirkliche Gefahr» nur im Umkreis von 30 bis 40 Kilometer von der Unfallstelle annimmt. (Und in Polen sind sie gute 500 Kilometer weit weg, bis zu uns sinds rund 1300 Kilometer ...)

Elektrifizierung + Sowjetmacht = Kommunismus, so sagte es Lenin, so stehts noch heute in Moskau. Tschernobyl ist eine Demontage dieser Idee von Fortschritt - auch der westlichen Variante. Doch jetzt, wo die Verletzlichkeit der Hochtechnologie ganz blossgelegt ist, spüren wir kaum mehr Betroffenheit. Sogar die Angst vor den ganz konkreten Auswirkungen dieses radioaktiven AKW-Unfalls ist schwach. Sie hat sich abgenützt: durch Seveso, Harrisburg, Bhopal - und durch den «Normalbetrieb»: die Asbestbauten, die hohen Abgaswerte, die Versenkung von radioaktivem Material in die Meere, die Zerstörung der Wälder, Verkehrstote, Atomtests, Stadt«entwicklung», Arbeitslosigkeit und so fort. Sie wird relativiert durch Libyen, Zentralamerika, Südafrika ... Und sie hat sich noch gründlicher verbraucht durch all die, welche glaubten, Angst direkt politisch umsetzen zu können, die über Angst Mobilisierten. An die Apokalypse gewöhnt man sich schnell.

Und: Adorno/Horkheimer haben es 1947 (in der «Dialektik der Aufklärung») mit reichem Erfahrungshintergrund dargelegt: Angst macht nicht aktionsfähig, Angst lähmt.

Warum sich die Angst nicht mehr zu Analyse und Rebellion entwickelt wie 1968? Nicht mehr in blanke Wut umschlägt wie 1980? - Sind wir so erschlagen von der Komplexität unserer Welt, so unsicher angesichts der Ungleichzeitigkeiten in der Entwicklung, dass wir auch angesichts eines Tschernobyl uns - arrangieren?

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